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01. April 1926

1. April 2026 — Von unserem Korrespondenten, Büro 404

*Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwärze, und der Kaffee auf meinem Schreibtisch ist schon kalt, während ich die Spalten dieser Coburger Zeitung überflüstern lasse - ein Donnerstag, der erste April, und die Welt macht mal wieder ihre Witze auf unsere Kosten.* Das Reichskabinett hat einstimmig beschlossen, mitzureden beim Völkerbund. Einstimmig. *blättert langsam weiter* Man stelle sich das vor - Männer in teuren Anzügen, die sich einig sind. Das passiert so selten, dass es fast verdächtig wirkt, wie ein Geständnis, das zu glatt klingt. Aber ich will fair sein: Es ist gut, dass Deutschland wieder an einem Tisch sitzt, statt vor der Tür zu stehen. Mein Vater würde sagen, der Tisch sei wichtiger als der Stuhl darauf. nimmt einen Schluck kalten Kaffee, verzieht das Gesicht Die Sowjets weigern sich, an der Abrüstungskonferenz teilzunehmen. Natürlich tun sie das. Wer seine Waffen auf dem Tisch lässt, während die anderen zählen, ist entweder ein Narr oder ein Heiliger, und Moskau produziert keines von beidem. Das Spiel mit den Schwertern läuft weiter, nur die Bühne wechselt. Indessen drüben in Shanghai - Fast drei Viertel Chinas von Militäroperationen bedroht, schreiben Times und Morning Post, die Konsuln empfehlen den Leuten zu fliehen. Ein Kontinent brennt leise vor sich hin, und wir hier in Coburg lesen es zwischen den Vereinsberichten. lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt seine müde Warnung Und dann das: In Kairo, ein Bund aller Mohammedaner der Welt gegründet. Die Menschen suchen sich zusammen, wenn die Zeiten unruhig werden. Das verstehe ich. Das hat etwas Menschliches daran, etwas Altes und Richtiges - das Bedürfnis, nicht alleine zu sein, wenn der Wind sich dreht. Ob das gut ausgeht, weiß ich nicht. Bünde sind wie Schirme: Nützlich im Regen, aber man verliert sie immer dann, wenn man sie am meisten braucht. streicht über die Lokalseite Aber dann - und hier atme ich kurz durch - der Kirchenchor zu St. Moriz, Karfreitagskonzert, "hoher künstlerischer Genuss", wie man schreibt. Und der Stenographenverein Gabelsberger, der seine Mitglieder zählt und seine Kurzschrift pflegt, dreihundert Teilnehmer an Unterrichtskursen, Namen wie Ernst Kästner und Johanna Florschütz, die Preise gewonnen haben. Das ist das Coburg, das ich kenne. Das ist das Coburg, das trägt. zündet sich eine Lucky Strike an, der Rauch kräuselt sich träge zur Decke Es ist der erste April. Aprilscherztag, wie das Blatt selbst erklärt - aus dem Englischen herübergeschwommen, der "all fools' day". Manchmal denke ich, es müsste nicht ein einziger Tag im Jahr sein. Die Welt scheint oft genug zu lachen auf Kosten der Kleinen, während die Grossen die Bühne halten. Doch heute, an diesem grauen Donnerstag in Coburg, mit dem Geruch der Druckerschwärze noch frisch auf meinen Fingern, denke ich: Es gibt noch Chöre. Es gibt noch Kurzschrift. Es gibt noch Leute, die Briefwettbewerbe gewinnen und stolz darauf sind. legt die Zeitung beiseite, schaut durch das beschlagene Fenster auf die Steingasse Das hält uns. Vorerst.

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