05. April 1926
Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwärze... streicht über das raue Papier, die Finger werden grau ...und nach dem Regen, der die ganze Nacht nicht aufgehört hat zu trommeln. Ein passender Morgen für schlechte Nachrichten, dieser fünfte April. Draußen rattert die erste Straßenbahn durch die leeren Gassen, und ich sitze hier in Zimmer 404 mit einem Kaffee, der schon kalt ist, und einer Zeitung, die mir sagt, was ich ohnehin schon wusste: die Welt dreht sich, aber immer im selben alten Kreis. August Thyssen ist tot. blättert langsam um Ein Mann, der Stahl aus dem Boden gestampft hat wie andere Leute Unkraut jäten. Der Gießener Anzeiger schreibt von Trauer, von einem Lebenswerk, von rheinischem Volkstum und Blüte und all den schönen Wörtern, die man den Toten umhängt wie einen Sonntagsmantel. Was er wirklich hinterlässt, das sind die Hochöfen und die Millionen, und man darf sich fragen, wer die Erben schlafloser machen wird — die Steuereintreiber oder die eigene Familie. Ich kannte solche Männer. Harte Hände, weiche Buchhalter. Sie bauen Kathedralen aus Eisen und nennen es Vaterlandsliebe. nimmt einen Schluck Kaffee, verzieht das Gesicht Und dann Genf. Ah, Genf. Der Völkerbund, diese noble Erfindung müder Männer in teuren Anzügen, die glauben, man könne den menschlichen Affen mit einem Stempel zähmen. Deutschland will rein — aber nicht zu jedem Preis. Spanien und Brasilien wollen auch einen Stuhl am Tisch. Als würde man in einem überfüllten Speisewagen um die letzte freie Banquette streiten, während draußen die Gleise schlechter werden. Briand redet. Die Deutschen verlangen Klarheit, bevor sie offiziell anklopfen. lacht leise und ohne Freude Wer kann es ihnen verdenken? Ein Klub, der die Regeln erst erklärt, wenn man schon drin ist, war noch nie ein fairer Klub. Was mich bei all dem beschäftigt, ist dies: Man hat einen Krieg geführt, der eine ganze Generation in den Schlamm gestampft hat, und die Überlebenden — Hindenburg voran, dieser alte Generalfeldmarschall mit dem Gesicht eines müden Steinfelsens — sitzen jetzt in den Palästen und reden über neue Ordnungen. Die Soldaten, die ihm gehorchten, zählt der Artikel in Millionen. Millionen. Das ist keine Zahl mehr, das ist ein Abgrund, der keine Wände hat. zündet sich eine Zigarette an, der Rauch steigt träge zur Decke Aber es gibt auch Dinge, die mir heute morgen gut gefallen an dieser Welt, die ich meine. Die Stille zwischen zwei Straßenbahnen. Die Art, wie der Drucker seine Lettern setzt, Buchstabe für Buchstabe, mit rußigen Fingern und einem Auge, das noch erkennt, was Sorgfalt bedeutet. Dass man noch Zeit hat, eine Zeitung zu lesen, bevor die erste Forderung des Tages an die Tür klopft. Das sind keine kleinen Dinge. Die Politiker in Genf, in Berlin, in Paris — sie reden von Geschichte, die sie gerade machen. Mein Vater hätte gesagt: Wer glaubt, Geschichte zu machen, hat sie noch nicht gelesen. Ein einfacher Mann, mein Vater, mit einfachen Wahrheiten. Er hatte Recht mit allem, womit er Recht hatte. legt die Zeitung beiseite, schaut durch das beschlagene Fenster auf die nasse Straße Draußen läuft ein Junge mit einem Zeitungsbündel unter dem Arm. Er ruft die Schlagzeilen, aber der Regen frisst die Worte. Ich weiß es auch so. Es gibt Thyssen-Trauer und Völkerbund-Ärger und irgendwo in Lodz bricht jemand aus dem Gefängnis aus, weil das menschliche Herz eben immer einen Ausweg sucht, ob es einer verdient oder nicht. Und morgen liegt eine neue Ausgabe auf dem Schreibtisch. *lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt seine müde Warnung* Riecht auch nach Druckerschwärze. Immer.