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06. April 1926

6. April 2026 — Von unserem Korrespondenten, Büro 404

*Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwärze, und der Kaffee auf meinem Schreibtisch ist schon kalt, bevor ich die erste Seite aufgeschlagen habe. Dienstag. Der sechste April. Das Ruhrgebiet schläft noch, aber die Welt da draußen schläft schon lange nicht mehr.* blätte rt die Seite um, zieht an der Lucky Strike Hoesch war bei Briand. Der deutsche Botschafter hat sich mit dem französischen Ministerpräsidenten getroffen, und die Herren haben über Luftschifffahrt geredet und über Wirtschaft und über den Völkerbund, der inzwischen so viele Mitglieder haben will wie ein überfülltes Wirtshaus kurz vor der Polizeistunde. Spanien will rein, Brasilien auch, und irgendwo an einem langen Tisch in Paris erklärt ein Mann im Frack einem anderen Mann im Frack, warum die Welt so ist, wie sie ist. Was der kleine Mann an der Zeche davon hat? Den gleichen Wind von gestern, der durch dieselben Ritzen pfeift. nimmt einen langen Zug, der Rauch kräuselt sich zur Decke In Kalkutta schlagen sich Hindus und Mohammedaner. Samstag und Sonntag, und heute ist Dienstag, und man liest es in der Zeitung wie eine Wettervorhersage. Menschen sterben für Götter, die sie sich nie persönlich begegnet sind, und die Götter, sofern es sie gibt, schauen vermutlich auf ihre Uhren und schütteln den Kopf. Das Traurige daran ist nicht die Brutalität, das Traurige ist die Routine. Die Meldung steht auf Seite eins neben den Luftschiffverhandlungen, als wären beides gleich wichtige Termine im Kalender der Geschichte. schaut aus dem Fenster auf den Regen, der die Straße blank wäscht Aber dann blättere ich auf Seite zwei, und da steht die Geschichte von Thyssen. Ein unscheinbarer Mann kaufte nach dem Siebziger-Krieg Sand und Heideland zwischen Mülheim und Oberhausen, heimlich, in aller Stille, und niemand wusste wozu. Das nenn' ich Geduld. Das nenn' ich Vision. Der Mann hat nicht geredet, der hat gebaut. Mit einem harten Dennoch hat er das Gefrierverfahren angewandt, wo andere aufgegeben hätten, und heute steht da, wo Heide war, ein Imperium. Das ist die andere Geschichte, die nie laut genug erzählt wird: dass manchmal ein einziger Sturrkopf die Landschaft für immer verändert. lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt seine müde Warnung Und dann, auf Seite drei, das Leben. Ein Auto gerutscht auf dem Sonnenwall, direkt in die Schaufensterscheibe vom Musikgeschäft Concordia. Keine Verletzten. Ein Betrunkener, der eine Straßenbahn gerammt hat auf der Düsseldorfer Straße. Und irgendwo gründet man einen Verein für Einheitskurzschrift, weil der Mensch offensichtlich auch in schwierigen Zeiten das Bedürfnis hat, Dinge schneller und effizienter aufzuschreiben. ein schwaches Lächeln huscht über sein Gesicht Das ist meine Stadt. Das ist mein Dienstag. Die Diplomaten reden, die Götter schweigen, die Tyrannen bauen, und ein Betrunkener fährt in eine Fensterscheibe. Irgendwo in diesem Durcheinander steckt die Wahrheit über den Menschen – man muss nur lange genug auf die dritte Seite schauen, um sie zu finden. Der Regen läuft die Scheibe runter wie ein müder Seufzer.

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