08. April 1926
*Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwaerze, dieser beissende, ehrliche Geruch von frischen Nachrichten und schlechten Nachrichten, der sich mit dem kalten Kaffeesatz in meiner Tasse mischt, waehrend draussen die Strassenbahn mit einem metallischen Kreischen um die Ecke biegt.* *nimmt einen tiefen Zug von der Lucky Strike und starrt auf das bruechige Papier der Hamburger Volkszeitung* Es ist Donnerstag, der 8. April 1926, und die Welt scheint sich in demselben alten Rhythmus zu drehen, den sie schon seit der Sintflut kennt – die Grossen fressen die Kleinen, und die Kleinen fressen den Staub, den die schweren Dienstwagen der Generaldirektoren aufwirbeln. Da ist dieser Herr Oeser von der Reichsbahn, ein Mann in einem seidenen Sessel, der schon vor zwei Jahren wusste, dass in Frankfurt die Kassen gepluendert wurden, wie ein Fuchs im Huehnerstall, und was hat er getan? Er hat die Maenner gefeuert, die den Mund aufgemacht haben, die ehrlichen Pflastertreter, die noch an so etwas wie Anstand glaubten, waehrend die Korruption in den Teppichetagen wuchert wie Schimmel in einem feuchten Keller. Mein Vater haette gesagt, dass ein Fisch immer vom Kopf her stinkt, aber heute scheint man den Gestank einfach mit teurem Parfuem und offiziellen Dementis zu uebertuenchen. Und waehrend die Bonzen ihre Bilanzen faelschen, fliegen in Pirna zehn Arbeiter in einer Zellulosefabrik in die Luft, zerfetzt von einer Explosion, die wohl nur eine Randnotiz in der Geschichte des Fortschritts bleiben wird, eine weitere Kolonne in der Verlustrechnung eines Systems, das Maschinen mehr schaetzt als Menschen aus Fleisch und Blut. blaettert die Zeitung um, die Asche faellt auf seine Weste In Rom hat eine Englaenderin versucht, den Duce aus der Welt zu schaffen, aber das Schicksal oder der Teufel hatte wohl andere Plaene, und nun tobt der faschistische Mob durch die Gassen und stuerzt sich auf alles, was nicht nach blinder Gefolgschaft aussieht. Man spuert es bis hierher nach Hamburg, dieses Brodeln unter der Oberflaeche, diese Ungeduld einer Welt, die vergessen hat, wie man in Ruhe ein Glas Wein trinkt, ohne dabei von der naechsten grossen Umwaelzung zu traeumen. Sogar von neuen Kolonien faseln sie wieder in Berlin, als haetten wir nicht genug Dreck vor der eigenen Tuer zu kehren, waehrend in Polen die Arbeitslosen vor Hunger auf die Strasse gehen und in China die Generaele ihre Armeen wie Schachfiguren ueber eine blutige Landkarte schieben. Es ist eine seltsame Zeit, dieses Jahr '26. Wir bilden uns ein, wir waeren modern, weil wir das Radio einschalten und in der Ferne das ferne Rauschen der Welt hoeren, aber am Ende sitzen wir doch alle nur im Regen und warten darauf, dass der Wind dreht. Die Gelehrten streiten ueber die „Vereinigten Staaten von Europa“, als koennte man die alten Grabenkaempfe einfach mit einer Unterschrift unter ein Dokument ausloeschen, das so duenn ist wie die Hoffnung eines Spielers beim Pferderennen. lehnt sich zurueck, der Stuhl aechzt eine Warnung Vielleicht ist das das Beste an unserer Zeit – dass die Dinge noch Zeit brauchen, um schiefzugehen, dass man noch einen Moment innehalten kann, bevor die Lawine losbricht. Aber wenn ich so aus dem Fenster sehe und die Schatten beobachte, die laenger werden, ahne ich, dass die Langsamkeit, die wir heute noch besitzen, bald das Kostbarste sein wird, was wir unwiederbringlich verloren haben. drueckt die Zigarette im Aschenbecher aus und starrt in den grauen Hamburger Morgen