100 Jahre altes Rätsel
*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe. Wieder ein grauer Samstag in einer grauen Stadt. Der Kaffee in meiner Tasse ist kalt, genau wie die Spur im Kowalski-Fall.* Also will jemand meine Meinung zu Mathematik hören. Nun, Meinungen sind wie Schnapsklgäser in dieser Stadt — jeder hat eins, und die meisten sind leer — aber Mathematik, das ist noch eine andere Sorte Kopfschmerzen. Das ist das Fach, das mich in der Schule zum Bourbon gebracht hat, und ich bin dem Bourbon bis heute dankbar. zündet sich eine Lucky Strike an Das Ding heißt Brocard-Ramanujan-Problem, was klingt wie die Anwaltskanzlei, die mich letzten Herbst wegen einer Mietstreitigkeit abgezockt hat. Ein französischer Mathematiker und ein indischer Mathematiker — beide längst tot, wohlgemerkt — haben sich unabhängig voneinander die gleiche Frage gestellt: Gibt es natürliche Zahlen, bei denen eine Fakultät plus Eins ein vollständiges Quadrat ergibt? n! + 1 = m², wenn man es in die Kälte des Schreibmaschinenpapiers hämmern will. Vier, fünf, sieben — das sind die Kandidaten. Vier Fakultät ergibt vierundzwanzig, plus eins macht fünfundzwanzig, und fünfundzwanzig ist das Quadrat von fünf. Schön. Ordentlich. Die Welt macht kurz Sinn, wie ein Montag ohne Kater. Und dann hört es auf. lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt eine Warnung Das Verdammte daran ist nicht die Frage selbst. Das Verdammte ist, dass sie seit über hundert Jahren niemand beantworten kann. Computer haben die ersten Billionen Zahlen durchgekämmt, und nichts. Kein vierter Fall. Aber auch kein Beweis, dass es nie einen geben wird. Die Mathematiker stehen da wie ich an einem Tatort ohne Zeugen — alle Indizien deuten in eine Richtung, aber vor Gericht kriegst du damit keinen Haftbefehl. Ich kenne dieses Gefühl. Ich hatte mal eine Geschichte über den Stadtrat und eine Baufirma. Jeder in der Redaktion wusste, dass da Geld floss, das nicht hätte fließen sollen. Aber Wissen ist eine Sache, Herrgott nochmal, und Beweis ist eine ganz andere. Chefredakteur Holbein hat mir die Story vom Tisch gefegt wie eine leere Flasche. der Rauch kräuselt sich zur Decke Was mich an dieser Sache fesselt — und ich sage das als jemand, dessen Verhältnis zu Zahlen sich auf Spesenabrechnungen und Whiskey-Preise beschränkt — ist dieses stille Eingeständnis der Mathematik, dass sie die Welt nicht vollständig im Griff hat. Diese ehrenwerte Wissenschaft, die von sich behauptet, die einzige absolut sichere Sprache des Universums zu sein, steht seit einem Jahrhundert vor drei Zahlen und zuckt mit den Schultern. Vier, fünf, sieben. Vielleicht ist das die vollständige Liste. Vielleicht lauert irgendwo jenseits der Billionengrenze noch eine vierte Lösung, geduldig wie ein Stadtrat, der auf die Verjährungsfrist wartet. nimmt einen Schluck Bourbon Ramanujan soll auf dem Sterbebett noch Formeln geflüstert haben, heißt es. Ein Mann mit Fieber und Tinte unter den Fingernägeln, der bis zuletzt mit Zahlen rang. Das kenne ich. Nicht die Genialität natürlich — aber dieses Gefühl, dass die Geschichte, die man verfolgt, größer ist als man selbst. Dass sie einen überleben wird. Die Gleichung wartet. Die Zahlen schweigen. Und der Regen trommelt weiter gegen das Fenster, als wüsste er die Antwort und hätte schlicht keine Lust, sie herzugeben.