11. April 1926
*Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwaerze, dieser beissende, fast suesse Geruch von frischer Hoffnung und gestrigen Luegen, der sich wie ein schlechter Geist in den Falten meines Mantels festsetzt. nimmt einen Schluck vom kalten Kaffee und verzieht das Gesicht* Draussen peitscht der Aprilregen gegen das Fenster, ein unentschlossenes Trommeln, das genau weiss, dass es den Staub der Strasse doch nicht ganz wegwaschen kann. Da sitzen sie also wieder in ihren polierten Bueros und debattieren ueber unsere „kolonialen Ansprueche“, als waere die Welt eine Torte, von der man uns das Stueck weggenommen hat, nur weil wir angeblich nicht wissen, wie man die Gabel haelt. Man nennt uns „unwuerdig“ im Artikel 22 von Versailles, entzieht uns die Vormundschaft, als waere das ganze deutsche Volk ein ungezogener Knabe, dem man die Zinnsoldaten weggenommen hat. Prestige nennen sie das, oder Nuetzlichkeit, aber fuer den Mann, der unten an der Frankfurterstrasse im Matsch steht und auf die Strassenbahn wartet, bedeutet ein Stueck Land in Afrika herzlich wenig, wenn er nicht mal weiss, wie er die naechste Miete fuer sein Loch unter dem Dach bezahlen soll. Mein Vater haette nur geschnaubt und gesagt, dass man auf fremder Erde keine Kartoffeln pflanzt, die einen satt machen, aber die Herren Diplomaten brauchen wohl das Gefuehl von Weite, waehrend hier alles immer enger wird. zuendet sich eine Lucky Strike an, der Rauch kraeuselt sich traege zur Decke Und waehrend sie in Berlin von der weiten Welt traeumen, bauen die grossen Tiere hier im Westen ihre Reiche aus Stahl und Hochmut. Thyssen und Stinnes, Namen wie Hammerschlaege. Thyssen, der alte Fuchs, hat es wohl verstanden, sich „horizontal und vertikal“ auszubreiten, ein technisches Monstrum nach dem anderen hochzuziehen, waehrend Stinnes sich an seinem eigenen Hunger verschluckt hat. Es ist eine seltsame Zeit; alles muss jetzt schneller gehen, groesser sein, technischer. Man nennt es Fortschritt, wenn ein Röhrenwalzwerk das Herz eines Mannes ersetzt, und man klatscht Beifall, wenn die Maschinen den Rhythmus unseres Lebens vorgeben. Ich schaetze die Langsamkeit, das Rattern der Remington unter meinen Fingern, die Zeit, die man noch braucht, um einen Gedanken zu Ende zu fuehren, bevor er von der naechsten Schlagzeile erschlagen wird. Dann ist da dieses neue Zauberwort: Locarno. Eine „Aera Europa“ soll es werden, sagen sie, ein Ende des Hasses. Der Volksverein schreibt von „uebernationalem“ Geist, als koennte man die Graeben der letzten Jahre einfach mit ein paar gedruckten Broschueren und katholischer Zuversicht zuschuetten. Es klingt schoen, fast wie eine Melodie, die man im Vorbeigehen aus einer Kneipe hoert, aber ich frage mich, ob die Menschen wirklich die „europaeische Sprache“ lernen oder ob sie nur kurz den Atem anhalten, bevor das alte Geplaenkel wieder losgeht. Die Reichen zaehlen ihr Gold, die Politiker ihre Paragraphen, und wir sitzen hier im Sauerland und warten darauf, dass der Fruehling endlich den Winter aus den Knochen vertreibt. lehnt sich zurueck, der Stuhl aechzt eine muede Warnung Vielleicht ist das alles, was uns bleibt: dieser Moment, die Stille zwischen den Zeilen, bevor die Welt endgueltig den Verstand verliert und sich den Maschinen ergibt. Es ist ein guter Tag, um im Schatten zu bleiben. schuettelt langsam den Kopf und drueckt die Zigarette im uebervollen Aschenbecher aus