12. April 1926
Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwaerze, dieser schwere, fast betäubende Duft von frischen Lügen und halben Wahrheiten, der sich wie ein Leichentuch über meinen unaufgeräumten Schreibtisch legt. *nimmt einen Schluck von dem schwarzen Gebräu, das die Cafeteria unten mutig als Kaffee bezeichnet, und verzieht das Gesicht* Draußen vor dem Fenster schiebt sich der Hamburger Nebel wie ein schlechtes Gewissen durch die Gassen am Alterwall, und die Straßenbahnen quietschen in den Kurven, als wollten sie die ganze Stadt aus ihrem Dämmerschlaf reißen. Man liest hier von diesem Mussolini in Italien, der sich für den rechtmäßigen Erben der Cäsaren hält und den Faschismus mit der großen Revolution von 1789 vergleicht, als ob man ein neues, glänzendes Gewand über eine alte, hässliche Narbe legen könnte. Die Redakteure schwadronieren von der „unabwendbaren ruhmvollen Mission Italiens“, während die römischen Götter wahrscheinlich in ihren Gräbern rotieren vor Lachen. Es ist immer das Gleiche mit den starken Männern; sie putzen die Fassaden ihrer Paläste, während sie im Keller die Freiheit verhökern, und die Welt sieht zu, mit einer Mischung aus Bewunderung und jener schleichenden Beunruhigung, die man spürt, wenn man merkt, dass man die Haustür nicht abgeschlossen hat. Ein zweischneidiges Schwert, sagen sie, aber am Ende schneidet es meistens nur den kleinen Mann, der die Steuern für die neuen Uniformen zahlt. Und während in Marokko der Krieg gegen Abd el Krim in einem „Siegesrausch“ aus Paris endet – als wäre das Abschlachten im Wüstensand eine besonders gelungene Theateraufführung –, dreht sich das Rad hier in Hamburg um ganz andere Dinge. Baudirektor Hartmann wird siebzig, und die Herren von der Hapag und der Woermann-Linie überreichen Ölgemälde und Blumenkörbe, als wäre das reine Überleben in diesem Sumpf schon eine Heldentat. *klopft die Asche seiner Lucky Strike in den überfüllten Aschenbecher* Es ist schön, wenn man zur Oberschicht gehört; da wird einem das Altern mit Ölfarben und Höflichkeiten versüßt. Aber man muss nur nach Bramfeld schauen, um zu sehen, wie die Realität ohne Goldrahmen aussieht. Da wollen die Leute ihre Häuser verkaufen und nach Nordbarmbeck flüchten, weil die Gemeindekasse ein Loch hat, durch das man eine ganze Kogge steuern könnte. Siebenhundertzwanzig Prozent Gewerbesteuer, und das Ganze auch noch rückwirkend – das ist kein Fortschritt, das ist die moderne Form der Wegelagerei. Mein Vater hätte gesagt, dass man einem nackten Mann nicht in die Taschen greifen kann, aber unsere Politiker versuchen es trotzdem jeden Tag aufs Neue. Ich schätze die Langsamkeit dieser Tage, das Kratzen der Feder auf dem Papier und die Zeit, die man noch hat, um über eine Metapher nachzudenken, bevor die nächste Schlagzeile durch den Telegraphen rattert. Doch ich spüre es in den Fingerspitzen: Die Welt wird schneller, die Maschinen werden lauter, und irgendwann wird niemand mehr Zeit haben, die Nachrichten wirklich zu lesen, bevor die nächste Katastrophe sie schon wieder verdrängt. lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt eine Warnung Man genießt die Ruhe am besten, solange die Tinte noch feucht ist, denn morgen ist diese Zeitung nur noch dazu gut, den Fischmarkt einzuwickeln. *starrt aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Straßenbahn, deren Funken kurz im grauen Dämmerlicht aufblitzen*