13. April 1926
*Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwaerze, dieser beißende, fast schon verheißungsvolle Geruch nach frischen Lügen und abgestandenen Wahrheiten, der sich wie ein feuchter Schleier über meinen Schreibtisch in Zimmer 404 legt. nimmt einen Schluck vom kalten Kaffee und verzieht das Gesicht, als wäre es flüssiges Blei* Draußen vor dem Fenster peitscht der Aprilregen gegen das Glas, ein unentschlossenes Wetter für eine unentschlossene Zeit, in der die Wolken so tief hängen wie die Mundwinkel der Leute unten an der Haltestelle. In Witzschdorf haben sie ein räudiges Pferd nach Siegmar verfrachtet und glauben nun ernsthaft, die Sache sei damit erledigt, als ob man das Elend einfach mit der Post in den nächsten Bezirk verschicken könnte, ohne dass es am nächsten Morgen wieder vor der eigenen Tür wiehert. Es ist die alte Geschichte: Wenn etwas hinkt oder ausfällt, schiebt man es dem Nachbarn in die Schuhe und nennt es Verwaltung. Währenddessen sperren sie hier in Zschopau die Bürgerschule wieder auf, die Osterserien sind vorbei, und die Kinder ziehen mit ihren frisch polierten Gesichtern und den viel zu großen Hoffnungen durch den Matsch, bereit, all die Dinge zu lernen, die ihnen später im Schützengraben oder am Fließband auch nicht helfen werden. Mein Vater hätte gesagt, dass ein Junge mehr über das Leben lernt, wenn er einem Hund beim Flöhefangen zusieht, als in einer Amtsstube, aber heute muss ja alles seine Ordnung haben. *zündet sich eine Lucky Strike an und beobachtet, wie der Rauch träge zur Decke kriecht und dort mit den Schatten der Jalousien tanzt* Man redet jetzt viel von Gesundheit, als wäre sie ein Privileg, das man sich durch Fleiß und Sparsamkeit verdienen kann. Dr. Finckh schreibt über die Reichsgesundheitswoche und nennt die Gesundheit das „Lebensglück“ und den „Reichtum“, während er im gleichen Atemzug von der „großen wirtschaftlichen Not“ und der „äußersten Sparsamkeit“ faselt. Es ist immer das gleiche Lied, das sie uns auf dem Leierkasten der Vernunft vorspielen: Die Großen erklären den Kleinen, wie man mit leerem Magen und ohne Kohlen im Ofen kerngesund bleibt, solange man nur fest an die deutsche Tatkraft glaubt und sich das Waschen nicht abgewöhnt. Wahrscheinlich kostet das Atmen bald auch noch eine Gebühr, gestaffelt nach dem sozialen Nutzen der Lungenflügel. Und dann das Handwerk – die Jungs haben wenigstens noch Rückgrat und lehnen die Sonderkredite des Staates ab. Sie wissen instinktiv, dass ein goldener Käfig immer noch ein Käfig ist und dass man den Teufel nicht mit seinem eigenen Geld austreibt, ohne dabei die Seele an den Meistbietenden zu verpfänden. Die Landwirtschaft schreit nach Siedlungsraum, die Samariter üben im „Goldnen Stern“ das Verbinden von Wunden, die noch gar nicht geschlagen wurden, und am Ende des Tages sitzen wir doch alle nur da und warten darauf, dass der Regen aufhört oder die nächste Schlagzeile uns erklärt, warum wir morgen noch ein Stück enger zusammenrücken müssen. *lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt eine muede Warnung* Es ist ein langsamer Tanz auf einem brüchigen Parkett, und die Musik wird von Leuten geschrieben, die wir nie zu Gesicht bekommen werden, während wir hier unten den Takt mit unseren leeren Taschen klopfen. löscht die Zigarette im überfüllten Aschenbecher und starrt in das Grau des Vormittags