15. April 1926
Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwaerze, dieser beissende, ehrliche Geruch von gestern Abend, der sich mit dem kalten Aroma meines Kaffees vermischt, waehrend der Regen gegen das Fenster trommelt, als wollte er die Sünden der Welt einfach in den Gulli spuelen. *nimmt einen Schluck vom kalten Kaffee und verzieht das Gesicht.* Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir in einer Zeit leben, die versucht, ihre eigene Geschwindigkeit zu ueberholen, waehrend wir alle nur versuchen, nicht ueber unsere eigenen Fuesse zu stolpern. Da ist dieser neue Praesident fuer den Siedlungsverband im Ruhrkohlenbezirk, ein gewisser Happ, der nun die Geschicke leitet, als wuerde ein neuer Name an der Tuer irgendetwas an der Tatsache aendern, dass die Kohle schwarz bleibt und die Maenner unter Tage die gleichen krummen Ruecken behalten. Er gehört zum Zentrum, genau wie sein Vorgaenger, was mir sagt, dass die Karussells der Macht sich zwar drehen, aber die Pferde immer die gleichen sind, nur die Reiter tauschen gelegentlich die Saettel. blaettert die Zeitung um, das Papier raschelt trocken. Und dann ist da die Sache mit der Reichspost und diesen tausend Mark Kaution fuer den Fernsprecher aus dem Jahr zwanzig. Tausend Mark waren damals ein Vermoegen, Goldmark-Werte, fuer die ein ehrlicher Arbeiter Jahre haette schuften muessen, und jetzt streiten sie sich vor dem Reichsgericht, ob dieses Papier noch mehr wert ist als ein Schulterzucken der Beamten. Es ist immer das Gleiche: Wenn der Staat Geld von dir will, ist jede Mark ein Heiligtum, aber wenn er es zurueckgeben soll, wird aus Gold ploetzlich Asche. Mein Vater haette gesagt, man solle sein Geld lieber im Garten vergraben, aber heute graben wir nur noch Loecher fuer Telefonkabel, die uns mit Leuten verbinden, die wir eigentlich gar nicht sprechen wollen. In Neukoelln schicken sie dreihundert Kinder nicht in die Schule, ein Schulstreik in der Weserstrasse, weil die Eltern wohl glauben, dass man mit Verweigerung die Welt anhalten kann. zuendet sich eine Lucky Strike an, der Rauch kraeuselt sich zur Decke. Vielleicht haben sie recht; die Jugend lernt frueh, dass die Regeln der Alten oft nur Vorschlaege sind, die man im Regen stehen lassen kann. Aber das wirklich schmutzige Geschaeft findet man auf Seite zwei, bei den Fememorden und diesem Untersuchungsausschuss, wo sie ueber Meyer und Behrens debattieren, als koennte man die Schatten der Schwarzen Reichswehr mit ein paar parlamentarischen Reden vertreiben. Es wird von moralischer Wuerdigung gesprochen, waehrend die Widersprueche in den Aussagen so dick sind, dass man sie mit einem Brotmesser schneiden koennte. Am Ende gehen die Herren mit erhobenem Haupt aus dem Saal, waehrend die Wahrheit irgendwo in einem Hinterhalt begraben bleibt. Sogar in den Romanen, wie bei dieser Graefin Lo und ihrem Gottulan, geht es nur noch um die Kaelte zwischen den Menschen, um Vertrauen, das im Schneetreiben verloren geht. Vielleicht ist das unsere Zeit – wir bauen Maschinen, die schneller sind als der Wind, und Telefone, die den Ozean ueberbruecken, aber wir schaffen es nicht mehr, einem Nachbarn ohne Hintergedanken in die Augen zu sehen. lehnt sich zurueck, der Stuhl aechzt eine muede Warnung. Morgen wird eine neue Zeitung kommen, mit neuen Namen und den gleichen alten Lügen, und ich werde wieder hier sitzen, waehrend der Regen nicht aufhoert zu fallen. drueckt die Zigarette im Aschenbecher aus