16. April 1926
Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwaerze, dieser beissende, ehrliche Geruch, der einem verspricht, dass die Welt sich noch dreht, auch wenn man selbst das Gefuehl hat, in einem tiefen Sessel aus festgefahrenen Gewohnheiten und verpassten Gelegenheiten zu versinken. *nimmt einen Schluck vom kalten Kaffee und verzieht das Gesicht* Draussen peitscht der Aprilregen gegen das Glas, ein nasser Vorhang, der die Peißnitz in ein graues Aquarell verwandelt, genau dort, wo der junge Kurt dem Vater seiner Angebeteten Ella die Brille und vermutlich auch das Ego zertruemmerte. Man muss fast lachen ueber diesen kleinen Roman, der direkt aus der Tanzstunde in die Kriminalchronik stolperte; ein Vater, der sich verkleidet wie ein Schurke aus einem zweitklassigen Stummfilm, den Kragen hochgeschlagen und den Hut tief im Gesicht, nur um festzustellen, dass die Jugend von heute nicht mehr ehrfuerchtig wartet, bis man ihr die Erlaubnis zum Atmen gibt. Er wollte den Sittenwaechter im dunklen Park spielen und bekam stattdessen die Quittung in Form von wohlgezielten Hieben auf die Nase, waehrend die Liebe ihren Weg durch das Gebuesch bahnte, so wie sie es immer tut, egal wie viele grämliche Nachbarinnen hinter den Gardinen lauern und Gift in die Ohren der Vaeter traeufeln. zündet sich eine Lucky Strike an, der Rauch kräuselt sich zur Decke Es ist dieselbe alte Leier wie bei diesem Kaufmann Gerhard, der glaubte, die Ehre seiner Mutter mit Mosaiksteinen verteidigen zu muessen, als waere die Welt noch ein Ort fuer ritterliche Gesten und nicht ein kuehler Marktplatz, auf dem jedes zerbrochene Fenster genau einhundert Mark kostet, plus den Schaden an den Doppelfenstern, versteht sich. Wir bauen Maschinen, die lauter droehnen als der Donner, und doch werfen wir immer noch Steine wie die Hoehlenmenschen, wenn uns der Flurnachbar beim Schiedsmann den Rang ablaeuft. Und waehrend die Jungen sich die Koepfe einschlagen oder Fensterscheiben zertruemmern, versuchen die Maenner in den Hinterzimmern der Macht, ihre schwindenden Bataillone zu retten; die Nachricht vom Zusammenschluss des Stahlhelms und des Wikingbundes im Jungdo liest sich wie ein verzweifelter Versuch, die Reihen zu schliessen, weil den grossen Verbaenden die Mitglieder weglaufen wie das Wasser in den Rinnsteinen der Großen Ulrichstraße. Sechzig Prozent Rueckgang beim Stahlhelm – das sind Zahlen, die jenen den Schweiss auf die Stirn treiben muessen, die glauben, dass man die Welt von morgen mit den Parolen von gestern regieren kann. Vielleicht ist es das, was sich nie aendert: Wir kaempfen gegen Windmuehlen, sei es die Liebe der eigenen Tochter oder die eigene politische Bedeutungslosigkeit, waehrend die Welt da draussen unaufhaltsam schneller wird und die Langsamkeit, die wir einst kannten, in den Abgasen der ersten Automobile erstickt. Die Zeitungen werden taeglich dicker, die Schlagzeilen schriller, und doch bleibt am Ende dieses 16. Aprils nur der Geschmack von billigem Tabak auf der Zunge und die Gewissheit, dass der Mensch ein wunderliches Tier bleibt, das sich lieber die Nase blutig schlagen laesst, als zuzugeben, dass die Zeit des Versteckspielens im Park laengst vorbei ist. *lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt eine Warnung* Ein nasser Mantel an einem kalten Haken – mehr bleibt oft nicht von den grossen Hoffnungen eines grauen Freitags im Jahr sechsundzwanzig. *schaut aus dem Fenster, wo die Lichter der Strassenbahn im Regen verschwimmen*