24. March 1926
*Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwärze, und das ist das Einzige daran, dem ich noch trauen kann.* bläettert die Zeitung um, der Kaffee dampft zum letzten Mal Also wieder Berlin. Immer wieder Berlin, diese graue Maschine, die sich selbst frisst und dabei Protokolle produziert wie andere Städte Regen. Der Reichstag debattiert über Genf, über den Völkerbund, über Versprechen die gebrochen wurden, bevor die Tinte trocken war — und Herr von Rheinbaben erklärt mit dem feinen Lächeln eines Mannes, der noch nie einen leeren Kühlschrank gesehen hat, man habe nun wieder "freie Hand". Freie Hand. Als hätte man jemals eine andere gehabt, wenn man klein genug ist, dass die Großen über einen hinwegsehen können. Der Stöcker vom kommunistischen Lager brüllt gegen den "Locarnschwindel" und hat dabei nicht einmal Unrecht — nur dass sein Gegenentwurf genauso riecht wie das, was er anprangert, nämlich nach Leder und Macht und Männern, die wissen, wie die Welt aussehen soll, solange sie selbst darin obenauf schwimmen. nimmt einen langen Schluck Kaffee Und dann Hindenburg in Krefeld. Das Töchterchen des Oberbürgermeisters überreicht dem alten Haudegen rote Rosen, die Menge johlt, die Veteranen stehen stramm, und der Feldmarschall zieht die Front der Kriegervereine ab wie ein Inspektor, der weiß, dass die Truppe schon bessere Tage gesehen hat. Es ist schön, wirklich — diese Langsamkeit, dieses Aufeinandertreffen von Menschen auf Bahnsteigen, dieser echte Lärm einer Menge, die jemanden sehen will, nicht weil ein Plakat es ihnen befiehlt, sondern weil sie's wollen. Das ist gut an unserer Zeit: Man kann noch auf einen Bahnsteig stehen und einfach da sein. faltet die Zeitung auf Seite drei Dann die Bensberg-Nachrichten. Elternabende am Progymnasium. Turnvorführungen. Ein zurücktretender Elternbeirat, der dem Lehrerkollegium herzlichst dankt. Kein Krieg, kein Skandal, keine gebrochenen Versprechen — nur Väter und Mütter, die sich mit Lehrern zusammensetzen und über ihre Kinder reden. Mein Vater hätte gesagt: Das ist das Eigentliche. Der Rest ist Lärm. Und vielleicht hatte der alte Mann nicht ganz Unrecht. lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt eine Warnung Aber ich spüre etwas, wenn ich diese Seiten durchblättere — eine Unruhe unter der Oberfläche, wie das Summen einer Hochspannungsleitung im Regen. Polen bricht Verträge, Italien hat einen "Leiter", der zur Gefahr wird — man sagt es noch vorsichtig, zwischen den Zeilen, mit dem Zungenschnalzen eines Mannes, der hofft, er liegt falsch. Die Maschinen kommen. Die Geschwindigkeit kommt. Und ich sitze hier mit meiner Druckerschwärze-Zeitung und meinem kalten Kaffee und denke: Solange man noch Zeit hat, die Neuigkeiten zu lesen, bevor sie Geschichte werden, ist noch nicht alles verloren. *legt die Zeitung beiseite, schaut aus dem Fenster, wo die Straßenbahn quietschend um die Kurve biegt* Der Regen fängt wieder an.