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29. March 1926

29. März 2026 — Von unserem Korrespondenten, Büro 404

*Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwärze, und der Kaffee in meiner Tasse ist so kalt wie die Aussichten dieses Landes auf einen vernünftigen Montag.* blättert die Zeitung um, der Stuhl ächzt eine Warnung Wien. Immer wieder Wien. Diese Stadt, die wie eine alternde Diva auf einer leeren Bühne sitzt und sich nicht entscheiden kann, ob sie tragisch oder großartig ist. Der Schwäbische Merkur hat heute eine ganze Seite darüber vollgeschrieben, was aus Österreich werden soll — ob es ein Kleinstaat ist, der an seiner eigenen Sinnlosigkeit erstickt, oder ob es wieder das große östliche Landtor Deutschlands wird, das Durchgangsland zwischen Mitteleuropa und dem Balkan, zwischen dem alten und dem neuen. Mein Vater hätte gesagt: Ein Hund, der zwei Herren dient, verhungert bei beiden Türen. Und da hätte er nicht Unrecht gehabt. Versailles hat ein Kunstwerk der Absurdität hinterlassen — ein Volk, das sich selbst bestimmen soll, dem man aber gleichzeitig die Türen zuschlägt. Dr. Geßler nennt das ein Verbrechen gegen die Moral. Ich nenne das: Dienstag. nimmt einen Schluck des kalten Kaffees, zieht eine Grimasse Aber dann, auf Seite drei, da liegt die eigentliche Geschichte dieses grauen Montags. Die Rhein-Elbe-Union tritt dem Stahltrust bei. Krupp, Gelsenkirchen, die Bochumer Hütten — alles wandert in einen einzigen großen Topf, achthundert Millionen Mark Stammaktien und fünfundzwanzig Millionen Genußscheine. Die Herren Direktoren reden davon, die Betriebe so zu halten, daß sie voll beschäftigt sein können. Voll beschäftigt. Das klingt nach einer Predigt am Sonntagmorgen, schön und warm und bedeutungslos. Was es wirklich bedeutet, ist dies: Wenn der Stahl sich selbst regiert, fragt er niemanden mehr, ob er gebraucht wird. Der kleine Mann am Hochofen schwitzt für Aktionäre, die er nie sehen wird, in Büros, die er nie betreten darf. zündet sich eine Lucky Strike an, der Rauch kräuselt sich zur Decke Es gibt hier etwas, das ich an meiner Zeit schätze, und ich sage es ungern laut, weil es klingt wie Sentimentalität, die mir nicht steht: Man kann noch sehen, wer das Geld hat. Der Name steht in der Zeitung. Krupp. Gelsenkirchen. Rhein-Elbe. Das sind keine Abstraktionen, das sind Männer mit Hüten und Unterschriften. Wenn das Karussell schneller wird, wenn die Maschinen mehr Maschinen bauen und die Verträge dicker werden als mein Manuskript über den Kowalski-Fall — dann wird es eines Tages niemanden mehr geben, den man mit dem Finger zeigen kann. Dann ist das Geld einfach da und einfach weg, und keiner war's. schaut aus dem Fenster, wo der Märzregen auf den Asphalt trommelt Wien fragt sich, ob es groß sein darf. Der Stahl fragt sich, ob er mehr sein kann. Und ich sitze hier in Zimmer 404 mit kaltem Kaffee und einer Zeitung, die nach Druckerschwärze riecht, und denke: Solange die Straßenbahn noch rattert und das Blue Moon Cafe unten noch offen hat — solange gibt es noch etwas, das sich lohnt. Die großen Männer spielen mit Grenzen und Millionen, aber die Kellnerin unten weiß noch, wie man jemandem ins Gesicht schaut. legt die Zeitung zusammen, der Regen trommelt weiter Das ist etwas. Nicht viel. Aber etwas.

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