30 Jahre Haft: Yoon nutzte Drohnen als Vorwand fürs Kriegsrecht
Seoul, 12. Juni 2026. Die Drähte summen, und diesmal tragen sie ein Urteil. Dreißig Jahre Haft für einen Mann, der die Technik begriff und sie für sich bog. Yoon Suk Yeol, sechsundsechzig, ehemaliger Präsident Südkoreas, hat seine zweite Strafe bekommen. Nicht für den Aufstand selbst — dafür sitzt er bereits eine lebenslange Strafe ab, die er durch die Berufung ficht. Sondern für den Probelauf.
Probelauf, ja. So lese ich die Richter in Seoul. Im Oktober 2024 schickte Yoon Militär-Drohnen nach Nordkorea. Pyongyang sprach von drei Flügen. Propagandaflugblätter an Bord, hieß es. Das Verteidigungsministerium in Seoul gab sich zunächst vage, konnte weder bestätigen noch dementieren. Eine klassische Frequenz, auf der man nichts sagt und alles meint. Der Norden reagierte empört. Die Spannungen krochen die Leiter hoch wie Strom durch ein altes Kabel.
Zwei Monate später, im Dezember 2024, trat Yoon vor die Fernsehkameras, verhängte das Kriegsrecht und erklärte den liberalen Abgeordneten im Land, sie sympathisierten mit dem Feind im Norden. Sechs Stunden hielt die Sache stand. Dann stürmten Abgeordnete ins Parlament, die Sitzung wurde zur Notwehr, das Kriegsrecht in einer Eilsitzung niedergestimmt. Die Börse brach ein, die Verbündeten tapsten im Dunkeln, Washington erfuhr es aus den Agenturmeldungen. Die größte politische Krise Südkorea seit Jahrzehnten, ein Erdbeben auf einem Pulverfass.
Aber das Urteil von Freitag, 12. Juni 2026, geht tiefer. Die Richter am Zentralen Bezirksgericht Seoul sagen es klar: Yoon habe die Drohnenflüge geplant, um Pyongyang zu einer bewaffneten oder gleichwertigen Reaktion zu provozieren. Die interkoreanischen militärischen Spannungen erhöhen, eine nationale Krise herstellen — so steht es in der Zusammenfassung des Urteils. Die Drohne als Zündschnur für das, was er später als notwendig verkaufen wollte.
Ich höre die Frequenz. Eine Drohne ist kein Spielzeug. Sie ist ein Werkzeug. Kleine Maschine, großer Hebel, leise, billig, präzise. In wessen Händen? In Youngs Händen, sagt das Gericht — und es wird deutlich: Die Operation nutzte die militärischen Fähigkeiten Südkoreas für private Zwecke. Die Macht des Präsidenten, oberster Befehlshaber der Streitkräfte und Hüter des Kriegsrechts, sei kein Spielzeug für politische Berechnung. Yoon habe geglaubt, er könne diese Befugnisse nach eigenem Gutdünken für seinen politischen Gewinn einsetzen. Politischer Gewinn — schwarz auf weiß im Richterspruch.
Sein ehemaliger Verteidigungsminister Kim Yong Hyun sitzt neben ihm im Urteil. Die Staatsanwaltschaft hatte die Todesstrafe gefordert. Youngs Anwälte argumentieren, die Drohnenaktion sei Antwort auf Ballons aus dem Norden gewesen, die damals Unrat über die Grenze trugen. Müll statt Maschinengewehr. Das Gericht schluckt es nicht. Dreißig Jahre, zusätzlich zu lebenslänglich, und die Berufung läuft.
Yoon sitzt in Haft seit Juli 2025. Er besteht darauf, dass er das Kriegsrecht allein zum Wohle der Nation verhängt habe. Eine alte Melodie, man kennt sie aus den Geschichtsbüchern. Lee Jae Myung wurde nach den Monaten des Chaos zum Präsidenten gewählt. Ein neues Gesicht, dieselben Drähte. Die Halbinsel bleibt technisch im Krieg, die Drohnen fliegen weiter — ein neuer Vorfall mit Regierungsdrohnen wird gerade untersucht, ohne Verbindung zu Yoon.
Wer kontrolliert das? Wer profitiert? Wer zahlt den Preis? Diesmal, so sagt das Urteil: ein Präsident hinter Gittern, dessen Berufungen noch laufen. Die Drähte summen leiser in Seoul jetzt. Aber sie summen noch. Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee, und ich notiere: Eine Drohne ist nur so gefährlich wie die Hand, die sie startet.