31. March 1926
Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwärze... ...und der Kaffee in meiner Tasse ist kalt, wie immer, wenn ich die erste Seite aufschlage und die Welt mich mit ihrer unvermeidlichen Dummheit begrüsst. Draussen tropft der März seinen letzten grauen Atem gegen mein Fenster, und ich sitze hier in Zimmer 404, die Bergedorfer zwischen den Fingern, und denke: Wenigstens ist die Zeitung ehrlich. Sie lügt wie alle anderen, aber sie tut es mit Stil. blaettert langsam um Die Franken-Geschichte ist das, womit sie mich heute morgen aufwecken. Monsieur Péret, Frankreichs Finanzminister, kämpft mit dem Haushalt wie ein Mann, der versucht, einen nassen Sack zuzubinden - aus jedem Knoten quillt es woanders raus. Hunderteinundvierzig Franken fürs Pfund, wo's vor einem Jahr noch neunzig waren. Der Notenumlauf von zehn auf einundfünfzig Komma fünf Milliarden geklettert, und irgendwo in Paris sitzt ein Beamter und druckt fröhlich weiter. Mein Vater hätte gesagt: Wer mehr ausgibt, als er hat, ist kein Staatsmann, der ist ein Spieler. Und Spieler verlieren immer am Ende - es ist bloss die Frage, wessen Geld sie zuerst verbrennen. nimmt einen Schluck vom kalten Kaffee, verzieht das Gesicht Dann Genf. Chamberlain liest dem Parlamentsausschuss Telegramme vor, mit denen er und Briand Brasilien angefleht haben, das Veto gegen Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund zurückzuziehen. Brasilien. Ein Land so weit weg, dass man eine halbe Flasche Bourbon braucht, nur um sich die Entfernung vorzustellen. Warum hat Brasilien geblockt? Wahlkampf zuhause, sagt Chamberlain. Natürlich. Die grossen Ideale sterben immer im Kleinklein der lokalen Politik. So war's immer, so wird's immer sein. lehnt sich zurueck, der Stuhl aechzt seine muede Warnung Aber dann - und hier, Freunde, wird die Zeitung fast poetisch - kommt die Geschichte des Hühnerstalls in Neuengamme. Ein Bauer hat einen modernen Stall gebaut, elektrisches Licht, automatische Fütterung, und das Herzstück: Wenn eine Henne ein Ei legt, leuchtet in der Küche des Besitzers ein rotes Licht auf. Drei Minuten. Danach wandert das Ei automatisch in einen Schrank. Ich sitze hier und denke an diesen Mann, der in seiner warmen Küche sitzt und auf ein rotes Lämpchen wartet. Es gibt etwas Schönes daran - die Verbindung zwischen Mensch und Tier, vermittelt durch einen elektrischen Draht, aber dennoch eine Verbindung. Wir erfinden Maschinen, damit wir uns weniger um die Dinge kümmern müssen, und am Ende kümmern wir uns mehr. Das ist die Ironie, die mein Vater nie verstanden hätte, und die ich erst jetzt, in diesem grauen März-Morgen, zu begreifen anfange. faltet die Zeitung langsam zusammen Die Welt dreht sich. Frankreich druckt Geld, Brasilien spielt grosse Politik, und ein Bauer in Neuengamme wartet auf sein rotes Lämpchen. Irgendwo dazwischen steckt die Wahrheit über uns alle.