Börse 1937
Terminal Tribune

28. März 2026

Dossier · Agrarpolitik & Ernährung

Globaler Konflikt in Agrarpolitik und Ernährung: Regulierungen und Unternehmensverantwortung

28. März 2026 · aus dem Archiv

**1937. Die Felder reden. Die Städte hören nicht zu.**

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Sie riechen es schon im Mai, bevor die Stadt die ersten Preiserhöhungen fürs Brot zur Kenntnis nimmt. Ein leerer Geruch, der zwischen den Stängeln hängt, wenn die Bienen nicht mehr kommen. Kein Honig mehr, kein Summen über den Maisäckern, nur noch der Staub der leeren Blätter. Die Felder sterben nicht mit einem Mal – nein, sie verfaulen langsam, wie ein Fleisch, das man vergessen hat. Und die Städte? Die schreiben Artikel über „Agrarkonflikte“ und „Unternehmensverantwortung“, als stünde alles nur im Buchstabensalat der Politik, nicht in der Erde unter ihren Fingern.

Die EU hat die Neonikotinoide verboten. Gut. Endlich. Denn wer die Bienen tötet, der tötet auch die Kirschen, die Äpfel, die Rüben – alles, was nicht in Plastik verpackt und mit chemischem Zucker süß gemacht wird. Aber die Städte jubeln nicht. Sie jammern über „höhere Lebensmittelpreise“. Als ob der Preis für ein Brot nicht schon immer der war: die Arbeit der Hände, der Schweiß der Nacken, das Risiko der Dürre. Die Bauern, die jetzt weniger Ertrag haben, zahlen den Preis. Nicht die Supermarktketten, die die Ware um 30 Prozent aufschlägern. Nicht die Banken, die den Kredit verweigern, wenn der Ernteertrag um die Hälfte sinkt. Nein, der Preis bleibt beim Bauern – und wenn er nicht mehr zahlen kann, dann bleibt er auch das: nur noch ein Name in den Büchern der Agrarindustrie.

Bayer zahlt Milliarden für Glyphosat-Klagen. Bayer, das Unternehmen, das einst mit seinem Chemiegift die Welt versprochen hat, ohne dass man danach fragen musste, was darunter liegt. Die Städte fragen auch nicht. Sie lesen die Schlagzeilen über „10 Milliarden Dollar“ und denken: „Arme Firma.“ Sie vergessen, dass diese Milliarden kein Verlust sind, sondern ein Gewinn – ein Gewinn für die Anwälte, für die Aktionäre, für die Politiker, die die Gesetze ändern, damit die Chemie wieder laufen kann. Die Bauern? Die zahlen mit ihrem Boden, ihrer Gesundheit, ihrer Zukunft. Und wenn sie nicht mehr können, dann kaufen es die Staatsfonds. Chinesische Investoren, saudi-arabische Milliardäre, die plötzlich Eigentümer von Feldern werden, die sie nie bestellt haben. Sie kaufen nicht das Korn, sie kaufen die Erde – und damit auch die Schulden, die darauf lasten.

Cargill streicht Belegschaft. Weil die Preise sinken. Weil die Welt zu viel hat – zu viel Weizen, zu viel Mais, zu viel Soja –, aber zu wenig Hände, die es ernten. Die Städte reden über „effiziente Märkte“. Sie meinen damit, dass man die Menschen ausspart. Dass man die Löhne drückt, die Sozialleistungen streicht, bis nur noch die Reste übrig bleiben: die billigen Arbeitskräfte, die die Ernte einfahren, während die Manager in ihren Büros über „Nachhaltigkeit“ reden. Nachhaltigkeit? Nachhaltigkeit ist, wenn der Bauer nicht mehr kann und die Bank das Land zwangsversteigert. Nachhaltigkeit ist, wenn die Kinder der Bauern nicht mehr auf dem Hof arbeiten wollen, weil es kein Geld gibt. Nachhaltigkeit ist, wenn die Städte immer noch nicht hören.

Es bleibt das Feld. Das Feld, das kein Brot mehr trägt. Das Feld, das nur noch Staub und die Erinnerung an die Hände, die es einmal bezwungen haben. Die Städte werden weiter reden über Preise und Pfennige, über Milliarden und Verträge. Sie werden weiter die Erde ausbeuten, als wäre sie ein Konto, das man beliebig überziehen kann. Aber die Erde vergisst nicht. Sie bleibt. Und sie trägt nichts mehr.

Ida Feuerbach, Terminal Tribune

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