DER SENSEX FIEL, DER SENSEX SPRANG — WEM GLAUBT IHR NOCH?
Mumbai, Frühhandel, Montag. Eine Stunde, in der die Zeitung schon gedruckt ist, bevor die Börse richtig wach wird. Und in dieser Stunde passiert, was eigentlich nicht passieren darf: derselbe Index, dieselben Minuten, zwei Depeschen mit gegenteiliger Lesart.
Deccan Herald meldet: Sensex und Nifty rutschen ab. Der 30 Werte umfassende Sensex verliert zu Handelsbeginn an Boden, erdrückt von einer eskalierenden US-Iran-Krise, die den Ölpreis nach oben drückt und die Anleger vorsichtig stimmt. Asiatische Vorgaben schlecht, Stimmung gedrückt, ausländische Investoren kaufen zwar — aber ihr Geld wiegt den Schatten nicht auf.
Outlook Business bestätigt: Benchmark-Indizes im Frühhandel schwächer, erneuert geopolitische Spannungen drücken auf die Stimmung der Anleger.
So weit, so einig. Zwei Quellen, eine Richtung.
Und dann die New Indian Express. Gleicher Tag, gleicher Markt, gleicher Morgen — und dort liest man das Gegenteil. Der Sensex, der in der ersten Lesart fällt, zeigt in dieser Lesart plötzlich Sprungkraft. Ein Atemzug nach oben in einer Stunde, in der andere Zeitungen denselben Atemzug nach unten verorten.
Zwei Wahrheiten am selben Morgen. Was hat man davon? Eine Indikation. Eine Richtung. Ein Gefühl.
Ich sitze in der Redaktion und rauche meine Pfeife, wie ich es immer getan habe, als mir kein Mann im Nadelstreifen glauben wollte, dass die Bücher falsch waren. Heute sitzt mir ein Mann im Nadelstreifen gegenüber und erklärt mir, die Börse falle tatsächlich gleichzeitig und steige, weil sich die Narrative eben angleichen, weil Öl sich anfangs verteuert, weil die Spannungen — ja, was eigentlich?
Schauen wir auf das Öl. Es steigt. Es fällt. Crude prices rose and then fell — wörtlich. Ein Berg, ein Tal, eine Nachricht in zwei Sätzen. Wer auch immer in die Depesche das kleine Wörtchen „then" eingebaut hat, hat recht behalten — beide Bewegungen sind belegbar, weil niemand genau sagen kann, in welcher Sekunde die Augen der Reporter ihre Notiz gemacht haben.
Klar ist: Die Kämpfe mit Iran ließen den Preis springen. Eine Eskalation, und das schwarze Gold reagiert wie ein erschrockenes Pferd — nach oben. Dann beruhigt es sich. Dann fällt es. Der Zyklus dauert Stunden, die Depeschen brauchen Tage.
Die Spannungen — erneuert, geschürt, befeuert. Immer dieselben Worte in den Agenturmeldungen, weil den Redakteuren nichts anderes einfällt. Erneuert, weil es klingt, als hätte man es mal ausgemacht. Geschürt, weil jemand ein Streichholz hält. Befeuert, weil der Tank voll ist.
Aber: Wenn zwei seriöse Quellen dasselbe Geschehen gegensätzlich beschreiben — einen Sensex, der fällt, und einen Sensex, der springt, am selben Morgen, in derselben Stunde — dann ist das kein Börsenbericht mehr. Das ist eine Inszenierung. Und die Frage ist nicht, ob die eine oder die andere Meldung korrekt ist. Die Frage ist, wem die Verwirrung nützt.
Wer profitiert davon, dass der kleine Mann nicht weiß, ob er verkaufen oder halten soll? Wer profitiert davon, dass die ausländischen Investoren, die in der ersten Version als Stütze genannt werden, in der anderen Lesart gar nicht vorkommen, weil dort der Markt ja steigt? Wer sortiert die Wahrheit, bevor sie beim Sparer ankommt?
Ich sage nicht, dass jemand lügt. Ich sage: Die Informationen, die mich erreichen, sind so konstruiert, dass keine eindeutige Handlung möglich ist. Halten oder Verkaufen ist am Ende Glücksspiel. Und wer Glücksspiel verkauft, verkauft Hoffnung — und wer Hoffnung verkauft, verkauft am Ende die Kontrolle über jene, die keine Reserven haben.
Die Männer im Nadelstreifen werden mir erklären, dass Märkte komplex sind. Ich werde ihnen sagen: Komplex ist nur, was man nicht erklären will.
Meine Pfeife ist fast aufgeraucht. Was bleibt? Eine Stunde Frühhandel, in der zwei Wahrheiten existierten. Eine Ölpreis-Kurve, die stieg und fiel, bevor irgendein Kommentar sie einholen konnte. Ein Iran, der die Geige spielt. Ein Amerika, das die Bühne liefert. Und ein Markt — unserer, in Mumbai, in dieser Stadt — der genau in dem Moment eine Richtung suchte, in der zwei Depeschen ihm sagten, es gebe keine.
Wer jetzt entscheidet, handelt gegen die Ungewissheit. Wer zu lange wartet, hat verloren, bevor er angefangen hat.
Das ist die alte Lektion, in neuem Kostüm. Die Bücher waren nie ausgeglichen. Wer das anders sieht, hat seine Pfeife noch nicht zu Ende geraucht.
❖ Ende des Artikels ❖
