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5. August 2026

Dossier · Finanzen & Wirtschaft

Die offene Rechnung — wer profitiert von Hormuz, wenn die Meerenge „offen" bleibt?

5. August 2026 — — E. Wolff

Beginnen wir mit dem, was offiziell gesagt wird. Die EU und der Golfblock haben in einer gemeinsamen Erklärung jeden Souveränitätsanspruch über die Meerenge von Hormuz als rechtswidrig zurückgewiesen. Iran werde aufgefordert, „sofort und bedingungslos" alle Angriffe und Einmischungen in die Schifffahrt einzustellen und die Meerenge „ohne Bedingungen, Transitgebühren oder Servicegebühren offen zu halten". Schön formuliert. Satzfeste Diplomatie. Klingt nach Seerecht, nach Freihandel, nach einer Welt, in der jeder Tanker passieren darf, solange die Kanonen schweigen.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Doch die Kanonen schweigen nie. Sie werden nur nachgeladen.

Iran ruft die Golfstaaten auf, den USA die Nutzung ihres Territoriums zu verwehren. Die USA drohen Iran mit Angriffen. Die Angriffe erfolgen, oder erfolgen nicht — das hängt davon ab, wen man fragt, und an welchem Tag. Eine fortgesetzte Seeblockade, so heißt es aus Tehran, sei eine Aggression. Eine Öffnung der Meerenge, so heißt es aus Brüssel und Riad, sei bedingungslos. Beide Seiten reden über dieselbe Wasserstraße. Keine Seite redet über das, was hindurchfließt.

Und das ist der Punkt, den niemand ausspricht.

Denn die Frage ist nicht, ob Hormuz offen ist. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen es offen bleibt — und wer diese Bedingungen schreibt, ohne sie zu unterzeichnen.

Öl, nüchtern betrachtet. Rohöl, verflüssigtes Erdgas, Düngemittelvorprodukte, all die Dinge, die durch Pipeline-Denken in europäischen Hauptstädten zu „Energiepartnerschaften" werden. Die EU importiert. Die Golfmonarchien exportieren. Die USA patrouillieren. Und am Knotenpunkt dieser Dreiecksbeziehung sitzt eine Meerenge, die an ihrer engsten Stelle so schmal ist wie ein Lügenmanöver in der Pressekonferenz. Durch diese wenigen Seemeilen läuft ein erheblicher Teil der globalen Energieversorgung. Die Versicherer wissen das. Die Hedgefonds wissen das. Die Nachrichtendienste in Langley, im Pentagon, in den Ölministerien am Golf wissen das.

Was die Versicherer gerade lernen, ist, wie eine Reise durch eine Gewässerzone kalkuliert wird, die formal offen ist, de facto aber zwischen Drohnen, Schnellbooten und einem Statement des iranischen Außenministers changiert. Der Minister sagt, Hormuz sei „vollständig offen". Sehr beruhigend. Ein beruhigender Satz, der so lange hält, bis die nächste Eskalationsmeldung durch die Agenturen rauscht.

Was kostet ein „offener" Transit, der politisch erzwungen ist? Die Transportraten steigen. Die Versicherungsprämien klettern. Die Refinanzierung von Schiffen wird teurer. All das sind Kosten, die nie als „Kosten der Diplomatie" verbucht werden, sondern als „Marktrisiko". Das ist die Übersetzung, die Sie sich merken sollten: Wenn Banken „Marktrisiko" sagen, meinen sie Waffen, die jemand anders beschließt.

Und wer profitiert?

Die Golfstaaten, die ihre Häfen als alternative Umschlagpunkte anbieten können, solange Hormuz unsicher bleibt. Die Flotten, deren Präsenz in der Region als Sicherheitsgarantie verkauft wird — und die damit Verträge, Überflugrechte, Stützpunktabkommen und nicht zuletzt Rüstungsbudgets rechtfertigt. Die europäischen Energiekonzerne, die sich in langfristige Abnahmeverträge mit den Golfstaaten flüchten, als gäbe es kein Morgen. Und die Versicherer, deren Margen explodieren, wenn die Gefahr wächst, aber nicht die Verluste.

Was ist mit Iran? Iran sitzt am Hebel. Jedenfalls theoretisch. Die Karte, die das Land spielen kann, ist die Drohung der Schließung — und ihre Schwester, die selektive Öffnung. Beide sind Verhandlungsmasse. Beide kosten kein Geld, nur Glaubwürdigkeit. Die hat Tehran über die Jahre investiert, in kleinen Scheinen, mit großen Zinsen.

Die EU-Erklärung verlangt „bedingungslose" Öffnung. Bedingungslos. Das Wort steht da, schwarz auf weiß, und niemand schämt sich, es zu benutzen. Bedingungslos heißt: ohne Verhandlung, ohne Kompensation, ohne Anerkennung dessen, was Iran seit Jahrzehnten als seine Rolle in der Region einfordert. Bedingungslos ist die Sprache derer, die glauben, sie könnten Forderungen stellen, ohne den Preis zu nennen.

Und der Preis? Der Preis ist nicht in Dollar. Der Preis ist in der Bereitschaft, die Sicherheitsarchitektur der Region neu zu verhandeln. Wer garantiert Iran, dass die USA morgen nicht doch angreifen? Wer garantiert den Golfstaaten, dass ihre Ölterminals nicht zum Ziel werden? Wer garantiert Europa, dass die Lieferketten halten, während in den Hafenbecken die Tanker warten? Die Antwort der offiziellen Diplomatie ist: das Völkerrecht. Die Wahrheit ist: das Völkerrecht hat keine Marine.

Solange das so ist, bleibt Hormuz eine offene Rechnung. Die Meerenge ist durchgängig — undurchdringlich zugleich. Wer das versteht, versteht, warum „offen" das teuerste Wort in der Sprache der Geopolitik ist. Und warum die Männer in Nadelstreifen, die in Brüssel und am Golf Bedingungslosigkeit fordern, nie erklären müssen, was passiert, wenn der Tanker zwei Wochen auf Reede liegt. Das bezahlen andere. In Treibstoff. In Margen. In verlorenen Aufträgen. In einem Frieden, der immer wieder verschoben wird, weil er niemandem nützt, der bereits am Hebel sitzt.

❖ Ende des Artikels ❖

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