Zehn Punkte, vier Fehlerquoten und ein unsichtbarer Auftraggeber
Es gibt Zahlen, die sind keine Zahlen. Es sind Möbelstücke, hingesetzt von jenen, die einen Raum betreten und behaupten, es sei eine Landschaft. In Michigan, dieser Woche, betreten die Glengariff Group die Bühne, im Schlepptau der Michigan Education Association und der Business Leaders for Michigan, und sie schieben einen Tisch ins Zentrum, auf dem eine Umfrage liegt, die uns erzählen will, was die Bürger denken. Befragt wurde per Telefon, vom 22. bis 24. Juli, veröffentlicht am Dienstag, eine Woche vor der Primary. Die Fehlerquote: vier Punkte. Vier Punkte. Wer mir sagt, jemand führe mit zehn, der darf ebenso gut sechs sagen, oder zwei, oder minus zwei. Solche Sätze schreiben sich nur schlecht in Schlagzeilen.
Die Schlagzeile aber lautet: Former Rep. Mike Rogers, der voraussichtliche republikanische Senatskandidat, führe mit zweistelligem Vorsprung gegen Abdul El-Sayed. Gegen Haley Stevens, die demokratische Kongressabgeordnete, sei das Rennen ein Kopf-an-Kopf-Rennen, höflich ein Toss-up genannt. Welch eine Demutsbekundung. Welch ein höflicher Hinweis darauf, dass die Mathematik selbst eingestehen muss, sie könne nicht entscheiden.
Doch fragen wir, wer das Stück bezahlt. Die Michigan Education Association, eine Lehrergewerkschaft demokratischer Observanz, und Business Leaders for Michigan, ein Zusammenschluss von Unternehmern, deren politische Sympathien selten progressiven Kandidaten gelten. Wenn diese beiden zusammenkommen und gemeinsam eine Umfrage finanzieren, dann frage ich mich, welches Bildnis des Michigan-Wählers sie uns eigentlich verkaufen wollen. Die Antwort liegt nicht in der Frage. Die Antwort liegt in der Auswahl der Hypothesen, die sie auf den Tisch legen.
Man zeige mir Rogers gegen El-Sayed – jenen Kandidaten, der die Unterstützung von Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez genießt, jenen Mann, der im Detroit WDET sagt, amerikanische Steuergelder sollten nicht "für Bomben und Panzer verwendet werden, die Apartheid und Genozid antreiben". Eine Figur, die ihren Gegner laut The Atlantic als "Anzug mit großem AIPAC-Bankkonto" beschreibt und in einem Donor-Zoom – so berichtet Politico – ausrichte: "Man pflanzt einen Oger auf einen Pfahl, und alle anderen hören plötzlich anders zu." Gegen diese Figur schicken die Auftraggeber Rogers ins Feld. Und siehe: zehn Punkte Vorsprung. Welch ein Zufall. Welch ein Geschenk, verpackt in Methodik.
Man zeige mir Rogers gegen Stevens – jene Demokratin, die Gouverneurin Gretchen Whitmer ins Rennen schickt, die unter schwarzen Wählern einen Vorsprung von 31 Punkten genießt, die unter Unabhängigen mit Rogers bei rund 40 zu 39 Prozent quasi gleichauf liegt. Hier, in dieser Konstellation, schrumpft der republikanische Vorsprung auf einen einzigen Punkt, hinein in die Fehlerquote. Hier wird das Rennen plötzlich zum Toss-up. Hier liegt das eigentliche Signal der Inszenierung.
Und hier beginnt das Puppenspiel.
Denn was leistet diese Umfrage, wenn man genau hinsieht? Sie legt ein Doppel-Exponat auf: Zwei hypothetische Konstellationen, beide bezahlt von denselben Auftraggebern, beide mit derselben Methodik. Die eine Konstellation malt Rogers als unangefochtenen Sieger; die andere zeigt ihn als ebenbürtig mit einer moderaten Demokratin. Was soll der Leser mitnehmen? Der Leser soll mitnehmen, dass die Republikaner in Michigan nur dann gefährlich werden, wenn die Demokraten den "falschen" Kandidaten nominieren. Das ist keine Prognose. Das ist eine taktische Empfehlung, formuliert in Zahlen, garniert mit dem Mäntelchen der Wissenschaft.
Dabei erscheint just in derselben Woche eine Emerson-Befragung, die das Bild umdreht: El-Sayed liegt in der demokratischen Primary mit fünfzehn Punkten vor Stevens, 54 zu 39 Prozent, unter Wählern unter fünfzig sogar 67 zu 25. Eine separate Logik, eine separate Methodik, eine separate Botschaft. Sollte El-Sayed die Primary gewinnen, so die unausgesprochene Schlussfolgerung der republikanischen Strategen, hätte Rogers ein leichteres Spiel. Sollte Stevens gewinnen, werde es eng. So wird die Michigan Education Association, deren Mitglieder Schulgebäude und Lehrergehälter im Kopf haben, zur unfreiwilligen Komplizenschaft einer taktischen Erzählung.
Man muss dabei nicht lügen. Man muss nur die richtigen Matchups wählen, die richtigen Telefonnummern ansprechen, die richtigen Konstellationen ins Licht rücken. Eine Umfrage ist kein Spiegel. Sie ist ein Möbelstück. Wer das Möbel bezahlt, bestimmt das Zimmer.
Ungeklärt bleibt, und das muss man ehrlich benennen, welche dieser Zahlen tatsächlich den Willen der Wähler abbildet. Eine Fehlerquote von vier Punkten in einem Staat, der zweimal für Donald Trump gestimmt hat, in dem Unabhängige bei rund 40 Prozent liegen, in dem eine Generationskluft die Demokratische Partei fast vollständig spaltet – das ist kein Präzisionswerk. Das ist eine Annäherung, eine Schätzung, eine Bühne, deren Scheinwerfer jene einstellen, die das Stück bestellt haben.
In Genf habe ich Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Männer lächelten, während sie logen. In Michigan sehe ich Umfragen, die nie genau das messen, was sie zu messen vorgeben. Die Mechanik ist älter als die Demokratie selbst. Nur die Handschuhe sind neuer, in denen man sie uns reicht.
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