Vor dem Bauhaus wird gemalt — was wird hier gespielt?
Es gibt Auftritte, die lesen sich zuerst wie ein Versprechen und dann wie ein Manöver. Wenn die Grünen-Spitzenkandidatin für Sachsen-Anhalt, Suse Sziborra-Seidlitz, zum Kampagnen-Kickoff der eigenen Jugend vor das Bauhaus-Museum tritt und ein Banner gegen „Faschos" bemalen lässt, während die AfD im Vordergrund des Bildes steht, dann ist das nicht einfach eine Geste. Es ist eine choreografierte Setzung an einem Ort, der für Gestaltung steht. Man wählt diesen Ort nicht zufällig. Man wählt ihn, weil man begriffen hat, dass Symbolik in einem Land, in dem am 6. September die Prozente fallen, eine eigene Währung ist.
Die Frage eines Ermittlers lautet nicht, ob der Protest ehrlich gemeint ist — das lässt sich aus der Distanz ohnehin nicht entscheiden. Die Frage lautet: Wem nützt die Szene, wem schadet sie, und wer schweigt, während sie stattfindet?
Was belegt ist, liest sich so. Die Kandidatin selbst hat im selben Auftritt gesagt, es wäre „völlig absurd", die Wähler*innen der AfD „prinzipiell als rechts abzustempeln". Man kann das als Mäßigung lesen, als kluge Öffnung nach der Mitte, als Eingeständnis, dass Sachsen-Anhalt nicht Mitte ist. Man kann es aber auch als kalkulierte Distanzierung vom eigenen Symbol lesen — als jene Doppelgeste, die nach beiden Seiten zeigt: nach links, wo man das Banner braucht, um die eigenen Leute zu versammeln, und nach der bürgerlichen Mitte, wo man sich als differenziert empfehlen möchte. Wer so spricht, will niemanden ausschließen — und macht sich gerade dadurch überall ein wenig verwundbar.
In Sachsen-Anhalt, wo die Linke nach verfügbaren Umfragen bei zwölf bis vierzehn Prozent liegt, hat deren Landeschefin Janina Böttger den Begriff der „roten Leuchttürme" geprägt — wörtlich: „Wir wollen die blaue Welle brechen und rote Leuchttürme bauen." Die Mission sind die Direktmandate in Magdeburg II und Halle III. Mustafa Groener, siebenundzwanzig, Mitarbeiter eines Aufzugnotdienstes, aufgewachsen in der Plattenbausiedlung Neu-Olvenstedt, geht mit rund hundert Unterstützer*innen von Tür zu Tür — zwanzigtausend Türen, so die Schätzung der Strategie. Jannik Balint, sein Pendant in Halle III, ebenfalls unter dreißig, verfährt ebenso. Es ist eine bewährte Methode der Direktkandidatur. Sie funktioniert nur, wenn die Leute zu Hause sind, wenn das Wetter mitspielt, wenn der Schneeregen die Menschen nicht vertrieben hat. Groener selbst sagte an einem Samstag im Februar: „Das Wetter spielt uns in die Karten, da sind die Leute zu Hause." Es ist eine Bemerkung, die mehr verrät, als sie meint.
Die Parallele zur Grünen Jugend ist strukturell, und niemand spricht sie offen aus. Auch dort stehen junge Kandidaten, auch dort werden Haustüren geklingelt, auch dort wird die Erzählung von der direkten Nachbarschaft gegen die Erzählung der Großstadtpresse in Stellung gebracht. Auch dort weiß man, dass in Sachsen-Anhalt nicht der bürgermoralische Konsens entscheidet, sondern die Frage, ob man die Leute zu Hause antrifft, wenn das Wetter schlecht ist. Dass beide Seiten dieselbe Taktik wählen und einander nicht angreifen, ist bemerkenswert — und verdächtig. Es ist die Stille zweier Bewerber, die sich nicht bekämpfen, weil sie wissen, dass der gemeinsame Gegner nicht die jeweils andere Partei ist, sondern die Wahlenthaltung.
Hier wäre die Stelle, an der correctiv-Methodik einzusetzen hätte: Welche der genannten Behauptungen — Prozentzahlen, Türenzahlen, angebliche Erfolge — halten einer Faktenprüfung stand? In der vorliegenden Berichterstattung fehlt diese Disziplin auffällig. Beide Seiten inszenieren den Aufbruch; keine Seite legt offen, wie viele der geklingelten Tüten tatsächlich offen waren, wie viele Gespräche in Stimmen mündeten, wie viele dieser Stimmen am Wahltag tatsächlich gezählt werden. Die Geste vor dem Bauhaus und die Geste an der Haustür sind beide nicht falsch — aber sie sind beide auch nicht vollständig. Sie sind, was sie immer sind in der Hochphase eines Wahlkampfes: ein Angebot.
Was also verbirgt sich hinter der Leinwand? Eine Jugend, die sich gegen den Faschismus stellt — oder eine Jugend, die verstanden hat, dass in Sachsen-Anhalt die Prozente nicht in Galerien gewonnen werden, sondern an Wohnungstüren, in Matschpisten, vor Aufzügen, die stillstehen? Die Antwort ist nicht eindeutig. Sie ist es vermutlich auch für die Akteurinnen selbst nicht.
Klar ist nur dies: Wer vor dem Bauhaus malt, der malt nicht nur ein Bild. Er malt ein Angebot — an die eigenen Leute, an die Unentschiedenen, an jene, die am 6. September zwischen Nichtwählen und Protest wählen werden. Welche dieser Adressen tatsächlich erreicht wird, ob die Geste mobilisiert oder ob sie die Zögernden in die Apathie treibt — das ist die offene Frage, die kein Banner dieser Welt beantworten kann. Unklar bleibt am Ende auch, wer die Rechnung bezahlt — nicht die finanzielle, sondern die politische. Die Grünen werden ihre Bauhaus-Symbolik gegen eine Realität verteidigen müssen, in der die entscheidenden Begegnungen nicht auf Plätzen stattfinden, sondern an Türschwellen. Die Linke weiß das bereits. Die Grüne Jugend wird es lernen müssen — und die Geste vor dem Museum wird, wenn der September vorbei ist, ihren Preis haben.
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