As geordneter Rückzug: Vier Wege, die niemand geht
In Genf habe ich einmal einem Mann zugesehen, der einen Vertrag unterschrieb, den er nicht halten würde. Er lächelte dabei. Es war ein höfliches Lächeln, das man in Sitzungssälen lernt, in denen die Zukunft verhandelt wird wie ein Stoffballen auf einem Markt. Ich erinnere mich an die Art, wie der Stift über das Papier fuhr — gleichmäßig, ohne zu zögern, als gäbe es kein Morgen. Aber das Morgen kam. Es kommt immer.
Was sich derzeit beim Weltfußballverband FIFA abspielt, hat nichts mit Sport zu tun. Es hat mit Architektur zu tun. Mit der Architektur des Einverständnisses, die einst Sepp Blatter aufgebaut hat und die sein Nachfolger Gianni Infantino — ein Schweizer Fußballfunktionär, der seit 2016 an der Spitze steht und zuvor als Generalsekretär der UEFA von 2009 bis 2016 die Finanzregularien dieses Verbandes formalisierte — mit einer Mischung aus Lächeln und Drohung instand hält. Was wir in diesen Tagen beobachten, ist nicht das Scheitern eines Plans. Es ist die Bewegung eines Körpers, der sich zurückzieht, ohne zuzugeben, dass er je vorgerückt ist.
Die Fakten liegen auf dem Tisch, aber sie liegen falsch herum. Die FIFA hat ihre Investorenpläne aufgegeben. Gianni Infantino hat den Verkauf von WM-Rechten überraschend zurückgezogen. Vier Szenarien kursieren, um den Mann loszuwerden, der nicht entlassen werden kann, weil sein Vertrag ihn schützt wie ein gepanzerter Handschuh. Und der Widerstand? Der kam aus Europa, aus Asien, aus Amerika. Drei Kontinente, die sich selten einig sind — außer wenn es darum geht, eine Tür zuzuhalten, durch die jemand gehen will, den sie nicht kennen.
Man muss die Mechanik verstehen, nicht die Schlagzeile. Die UEFA drohte mit einem WM-Boykott. Das ist keine Petitesse. Ein WM-Boykott, ausgesprochen von den Verbänden Europas, ist eine ökonomische Drohung, die das gesamte Konstrukt der FIFA in seinen Grundfesten erschüttert. Infantino machte kehrt. Die FIFA gab die Investorenpläne auf. Die Meldungen kamen schnell, fast beiläufig, als habe man lediglich eine Tagesordnung verschoben. Aber Verschiebungen dieser Größenordnung hinterlassen Spuren — an Händen, an Gesichtern, an den Kontonummern, die danach anders lauten.
Vier Szenarien, Infantino abzusetzen, sind im Umlauf. Eine sofortige Lösung gibt es nicht, denn Gianni Infantino kann nicht einfach entlassen werden. Das ist die erste Lektion, die jeder lernt, der die Statuten der FIFA liest: Sie sind so konstruiert, dass sie den Präsidenten nicht schützen, sondern ihn unantastbar machen. Die Verfahren sind lang, die Hürden hoch, die politischen Kosten immens. Wer einen solchen Mann entfernen will, muss nicht nur Mehrheiten organisieren, sondern auch die stillen Bündnisse kennen, die ihn halten. Diese Bündnisse sind das eigentliche Fundament — nicht der Vertrag, nicht das Statut, sondern das Einverständnis, das in Hotelzimmern und bei Abendessen besiegelt wird.
Und hier beginnt die Ermittlung. Wer profitiert von Infantinos Rückzug auf den ersten Blick? Die UEFA. Der europäische Verband, dessen Mitgliedsverbände die teuersten Märkte kontrollieren, die exklusivsten Sponsoren binden, die politisch einflussreichsten Lobbys in Brüssel, Berlin, Paris und London bedienen. Ein Verkauf von WM-Rechten an Investoren — ein Modell, das Infantino offenbar verfolgte — hätte die Kontrolle über diese Rechte aus den Händen der Verbände gelöst und in die Hände von Finanzakteuren gelegt, deren Loyalität nicht dem Sport gehört, sondern der Rendite. Die UEFA hatte also ein Motiv. Sie hatte ein präzises Motiv. Und sie hatte die Hebel: die Drohung mit dem Boykott.
Doch hier wird es unübersichtlich, und genau dort beginnt der Gestank. Warum dieser plötzliche Rückzug? Warum jetzt? Infantino ist kein Mann der spontanen Gesten. Er ist ein Mann der Kameras, der Inszenierung, der kalkulierten Nähe zu Mächtigen. Es gibt Berichte, wonach sich der US-Präsident bei Infantino für die "Korrektur einer großen Ungerechtigkeit" bedankte — ein Detail, das in den offiziellen Meldungen wie eine Nebensächlichkeit steht, das aber verrät, wie eng die Fäden zwischen Zürich und Washington inzwischen laufen. Infantino erklärte, er habe dem Präsidenten während eines Telefonats gesagt, dass das Displinargremium der FIFA unabhängig arbeite. Unabhängig. Das Wort hängt in der Luft wie der Rauch einer Zigarre nach einem Gespräch, das niemand dokumentieren will.
Es bleibt unklar, wer genau hinter dem Druck stand, der Infantino zum Einlenken brachte. Es bleibt unklar, ob die asiatischen und amerikanischen Verbände aus eigenem Antrieb handelten oder ob ihnen die Argumentation geliefert wurde. Es bleibt unklar, welche Summen im Spiel waren, als die "Investorenpläne" — ein Wort, das so harmlos klingt und doch die Übersetzung eines ganzen Wirtschaftskörpers bedeutet — zu Fall gebracht wurden. Was wir wissen, ist dies: Die FIFA hat sich zurückgezogen. Sie hat es getan, nachdem der Widerstand massiv wurde. Sie hat es getan, nachdem drei Kontinente signalisierten, dass sie nicht mitgehen würden. Und sie hat es getan, ohne den wahren Grund zu nennen.
Das ist die Fragilität. Nicht die Tatsache, dass Pläne scheitern — Pläne scheitern täglich. Sondern die Tatsache, dass diese Organisation scheitern kann, ohne zu zerbrechen, und dass sie zerbrechen kann, ohne dass wir es bemerken. Die FIFA ist ein Konstrukt, das auf Vertrauen basiert — auf dem Vertrauen, dass die Verbände mitziehen, dass die Sponsoren bleiben, dass die Politik sich nicht einmischt. Wenn dieses Vertrauen einmal bricht, bricht es an vielen Stellen gleichzeitig. Die vier Szenarien zur Absetzung Infantinos sind nicht das Problem. Sie sind das Symptom. Sie zeigen, dass die Struktur so beschaffen ist, dass niemand mehr an einen friedlichen Übergang glaubt.
Und während die Welt auf die Bühne starrt — auf die Pressekonferenzen, die beschwichtigenden Worte, die Fotos mit lächelnden Funktionären — spielt sich hinter dem Vorhang die eigentliche Partie ab. Es ist eine Partie, die 1937 beginnen hätte können, in einem Genfer Salon, in dem Männer in Handschuhen über Landkarten beugten und ihre nächsten Züge planten. Die Handschuhe sind geblieben. Die Landkarten sind digital geworden. Aber die Hände, die sie führen, sind dieselben.
Die FIFA hat überlebt. Sie wird überleben. Denn Organisationen dieser Größe überleben nicht durch Tugend, sondern durch Trägheit. Aber die Risse, die jetzt sichtbar werden, sind nicht die Risse eines Gebäudes, das einstürzt. Sie sind die Risse eines Gebäudes, das nicht mehr weiß, zu welchem Zweck es errichtet wurde. Und das, meine Damen und Herren, ist die gefährlichste Form der Fragilität: jene, die sich selbst nicht mehr erkennt.
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