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Offene Türen, kalkulierte Schritte: Moskaus Manöver in Manila

5. August 2026 — — — Kastner

Es gibt Sätze, die klingen wie Brücken, gemeint sind sie als Brückenköpfe. Dmitri Peskov sprach einen solchen Satz, an einem Montag, im Juli, in der Choreographie des Moskauer Maschinenraums: Man werde Kontakte zwischen Sergej Lawrow und Marco Rubio am Rande der ASEAN-Außenministertreffen in Manila «selbstverständlich begrüßen». Das klingt nach Entgegenkommen. Das ist es nicht.

Wer in Genf über Jahre hinweg Verträge hat zerbröseln sehen, wer Männern die Hand gereicht hat, die ihre Unterschrift noch warm wieder zurücknahmen, der hört in diesem Wort «willkommen» eine andere Vokabel durchschimmern: Erlaubnis. Nicht die eigene, versteht sich. Die fremde. Die Erlaubnis nämlich, dass ein Treffen stattfinden darf — von wem auch immer es vorher blockiert wurde. Peskov sprach, als Rubio bereits seit dem neunzehnten Juli in Manila weilte. Rubio hatte am Wochenende öffentlich gesagt, er sei «bereit», sich mit Lawrow zu treffen, «wüsste aber nicht, ob das Treffen finalisiert sei». Das ist kein Zufall. Ein Außenminister, der seine eigene Bereitschaft bekannt gibt, ohne zu wissen, ob das Gegenüber überhaupt am Tisch sitzt, das ist diplomatisches Wasserstandmelden. Wer den Pegel senkt, lässt Moskau wissen: Der Kanal ist offen. Ob jemand hinüberschwimmt, ist die zweite Frage.

Maria Sacharowa, die Sprecherin des Außenministeriums, legte noch am selben Tag nach: Man arbeite an der «möglichen» Begegnung. Das Wörtchen «möglich» ist in russischer Diplomatie kein Rest unsicherer Rest, sondern ein Vorbehalt wie ein emaillierter Türgriff: Man fasst ihn an, aber man weiß, wer ihn zuletzt angefasst hat.

Was also wird hier aufgeführt? Man muss mindestens zwei Blickwinkel einnehmen. Erstens: das, was Moskau an Washington adressiert. Die «Willkommenheit» ist kein Geschenk, sie ist eine Visitenkarte in einem ganz bestimmten Format — nämlich dem des Eingeständnisses, dass die USA und Russland bilaterale Routinen brauchen, die derzeit über keine einzige institutionelle Schiene laufen. Manila wird zum Ersatzschauplatz, weil Genf, die OSZE, der NATO-Russland-Rat in Kältestarre liegen. ASEAN wird, ohne es zu wollen, zur Kulisse für ein Reload zweier Mächte, die sich in der Ukraine den Boden unter sich aufgerissen haben. Zweitens: das, was Moskau an das Forum selbst adressiert. Zehn ASEAN-Staaten beobachten ein Manöver, das auf ihrem Treffen stattfindet, aber nicht ihnen gehört. Das ist die Einladung, die keine ist. Sie sagt den Südostasiaten: Ihr seid die Bühne, wir sind die Akteure. Wer Bühne sein darf, ohne «bitte» zu sagen, darf sich später nicht beschweren, wenn die Scheinwerfer nicht auf ihn gerichtet werden.

Nun zum parallelen Tableau. Am Mittwoch traf Wang Yi in Manila für neunzig Minuten mit Rubio. China hat ein gewaltiges Interesse daran, dass dieses «mögliche» Lawrow-Rubio-Treffen nicht stattfindet — oder, falls es stattfindet, jedenfalls nicht ohne Pekings Reflexe. Wang beschrieb das Gespräch als «pragmatisch, positiv und konstruktiv». Diese drei Adjektive sind das diplomatische Pendant zu einem höflichen Handschlag, der die Handschuhe anbehält. Wang forderte «strategische Stabilität» und «friedliche Koexistenz». Auf Mandarin liest sich das etwas weniger ornamental; auf Mandarin bedeutet es: Hört auf, uns zu sehr zu drücken, und wir lassen euch durch.

Kein Zufall, dass am selben Tag die Auseinandersetzung am Second Thomas Shoal nachhallte — ein philippinischer Seemann verletzt, beide Seiten bestellten Botschafter ein. Rubio nannte den Vorfall «sehr negativ» und wiederholte, was Amerika in Manila offiziell wiederholen muss: dass man vertraglich an der Seite Manilas stehe. «Wir beabsichtigen, unseren Verpflichtungen nachzukommen», sagte er. Das ist eine Beruhigungspille. Sie ist ehrlich und gleichzeitig das Eingeständnis, dass Amerika seine Versprechen in der Region zuletzt nicht großzügig gestreut hat.

Was bleibt, ist die Frage der Struktur. Wer profitiert, wenn Rubio und Lawrow sich in Manila die Hand geben? Russland zunächst: ein Signal an alle Zuschauer, dass Moskau trotz allem — trotz Ukraine, trotz Sanktionen, trotz toter Kommunikationskanäle — ein Gesprächspartner auf Augenhöhe bleibt. China? Indirekt, denn ein direkter Draht Washington–Moskau entlastet Peking von der unangenehmen Rolle des einzigen Vermittlers. Washington? Vielleicht — wenn das Treffen tatsächlich die Vorstufe zu einer Verhandlung wird, die Trump im Herbst für Xi vorbereiten will. Xi Jinping plant im September einen Besuch in den USA. Alles, was in Manila passiert, ist eine Generalprobe für das, was im September nicht schiefgehen darf.

ASEAN profitiert am wenigsten. Das ist die offen bleibende Frage: Bleibt der Block neutral, während auf seinem Parkett ein Spiel zwischen den Großen aufgeführt wird, oder wird Neutralität in der Geographie zwischen Superkräften zur Fiktion? Unklar bleibt, wer auf der Achse Jakarta–Kuala Lumpur–Manila eigentlich den Schlüssel zur eigenen Bühne besitzt. Klar ist, dass die Organisation «Willkommen» hört und sich dafür bedankt, während sie insgeheim mitzählt, wie viele Stühle am Ende für sie übrig bleiben.

Manches wird nicht in den Communiqués stehen. Welche Geste Lawrow für den Fall eines Treffens bereits geprobt hat, welche Version des Lächelns im Kreml durchgespielt wurde. Solche Dinge stehen nicht in den Protokollen. Sie stehen in den Gesichtern. Und die Gesichter, das wissen alle, die jemals in Genf über Verträgen saßen, lügen am lautesten, wenn sie lächeln.

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