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5. August 2026

Dossier · Wissenschaft & Gesundheit

Das Heilige Spiel wird Bilanz: Infantino verkauft die WM

5. August 2026 — — Prof. Kessler

Manche Experimente beginnen harmlos. Man pipettiert ein Reagenz, man notiert einen Wert, und irgendwann stellt man fest, dass die Kontrollgruppe längst verloren ist. Die FIFA, verehrte Leser, führt uns seit geraumer Zeit ein solches Experiment vor — und die UEFA schreit jetzt, in einem Ton, der zwischen Empörung und Hilflosigkeit schwankt: Tabubruch.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Wovon sprechen wir? Gianni Infantino, der umtriebige Architekt des modernen Fußballkapitals, will Anteile an der Fußball-Weltmeisterschaft in eine Vermarktungsfirma auslagern. Private Investoren sollen beim milliardenschweren Vermarktungsgeschäft der FIFA einsteigen. Die WM — jenes Turnier, das 2026 in den USA, Kanada und Mexiko stattfinden wird, erstmals mit 48 Mannschaften, erstmals in drei Ländern zugleich — soll offenbar zu dem werden, wozu der moderne Finanzmarkt jedes Gefühl, jede Tradition, jede kollektive Ekstase umzumünzen versteht: zu einem Vermögenswert. Zu einer Bilanzposition. Zu einer handelbaren Ware.

Ich rauche meine Pfeife. Der Aschenbecher ist kalt. Ich denke nach.

Was bedeutet das? Übersetzt in die Sprache, die ich als Wissenschaftler gewohnt bin: Die FIFA externalisiert ein immaterielles Gut, das bisher durch die Aura einer gemeinnützigen Stiftung geschützt schien. Sie macht es marktgängig. Sie macht es skalierbar. Sie macht es, kurz gesagt, handelbar.

Und was bedeutet es wirklich? Es bedeutet, dass die Weltmeisterschaft nicht mehr länger ein Turnier ist, sondern ein Portfolio. Dass die Vergabe einer WM nicht mehr nur eine sportliche, sondern eine kapitalmarktfähige Entscheidung wird. Dass derjenige, der die Anteile hält, auch die Logik des Turniers besitzt. Dass ein Stadion in Kansas City nicht mehr Heimat eines Spiels ist, sondern eine Cashflow-Einheit, optimierbar wie jede andere.

Die UEFA spricht von einem Tabubruch. Infantinos Auslagerungspolitik wird von der UEFA als Tabubruch kritisiert — doch die UEFA selbst ist nicht gerade zimperlich. Sie hat die Champions-League-Rechte durch die Londoner Auktionshäuser getragen, sie hat eigene Investorenmodelle erprobt, sie spielt nun die moralische Instanz, während sie selbst das Skalpell führt.

Das ist der Widerspruch, der mich nicht loslässt: Die FIFA plant den Verkauf, die UEFA spricht von einem Tabubruch. Die UEFA spricht von einem Tabubruch, während FIFA — ein Zyniker könnte sagen — das Tabu längst gebrochen hat, nur eben leise, in Klauseln, in Nachträgen, in einer Schweizer Holding. Wer hier wen angreift, ist die Frage. Wer hier wessen Geschäftsmodell bedroht, ist die spannendere Frage. Die UEFA spricht von einem Tabubruch, während die FIFA selbst einen absoluten Angriff auf den Fußball befürchtet — die Diagnose hängt vom Standort ab.

Wer profitiert? Die Frage ist so banal wie unvermeidlich. Private Investoren — das ist ein Vokabular, das in der Vergangenheit für manche Akteure stand, deren Logik lautete: kaufen, strukturieren, weiterverkaufen. Infantino macht den Fußball damit endgültig zu dem, was er in den Bilanzen der Berater schon lange ist: ein Asset. Eine Ware. Eine Cash-Machine, deren Flutlicht nur noch die Beleuchtung der Bilanz ist.

Und wer verschweigt? Es bleibt offen, wer genau diese Investoren sind. Es bleibt offen, wie die Strukturierung aussieht — ob die FIFA die Stimmrechte behält, verkauft, verwässert. Es bleibt offen, ob die ausgegliederten Anteile an einer Schweizer Börse notiert werden, in Singapur, in einem Cayman-Dreieck aus Holding, Trust und Briefkasten. Unklar bleibt, welche Renditeerwartungen kommuniziert wurden. Unklar bleibt, welche Klauseln in den Verträgen stehen, die wir nicht zu sehen bekommen. Die UEFA warnt vor einem Ausverkauf des Fußballs — doch wer warnt hier wen vor wessen Ausverkauf?

Ich erinnere mich, verehrte Leser, an Versprechen, die nicht gehalten wurden. An die großen Reformen, die allesamt der Stärkung des Fußballs dienten — und in Wahrheit der Stärkung derjenigen, die sie vorschlugen. An eine Zeit, in der das Spielfeld ein Spielfeld war und der Ball ein Ball, und niemand auf die Idee kam, beides zu verbriefen.

Ich notiere: Die FIFA plant den Verkauf von Anteilen an WM-Turnieren. Private Investoren sollen beim milliardenschweren Vermarktungsgeschäft der FIFA einsteigen. Infantino will Anteile der Fußball-WM in eine Vermarktungsfirma auslagern. Die UEFA spricht von einem Tabubruch.

Ich notiere weiter: Es ist eine Privatisierung des Heiligen. Es ist der größte anzunehmende Tabubruch — oder die konsequenteste Vollendung einer Logik, die vor dreißig Jahren begann und der wir alle, Stadion um Stadion, zugeschaut haben.

Wie viel Knall, verehrte Leser, werden wir hören, wenn 2026 die Arenen in den USA, in Kanada, in Mexiko ihre Hymnen singen — und das Kapitel, das dort aufgeschlagen wird, gehört nicht mehr dem Spiel, sondern dem Investor, der im Hintergrund seine Position justiert?

Und wem, am Ende des Abends, werden wir applaudieren: dem Anteilseigner im Halbdunkel der Holding — oder dem Stadion, das seine Stimme hebt?

❖ Ende des Artikels ❖

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