Ich, Ich, Ich — Faucis Tagebuch zwischen Ruhm und Schweigen
Washington, Archivlicht, ein Aktendeckel. Die Papiere reden jetzt, weil er es nicht mehr tut. Anthony Faucis frisch freigegebene Pandemie-Tagebücher lesen sich wie das Betriebstagebuch eines Mannes, der vor allem eines minutiös festhielt: sich selbst. Sechzigmal, so haben es Reporter ausgewertet, taucht sein Eigenname im Text auf — während draußen die Zähler längst anders liefen. Bereits im April 2020, als mehr als sechzigtausend Amerikaner bereits an COVID-19 gestorben waren, notierte er weniger Sterbezahlen als Presseechos über die eigene Person. Die Hände, die Listen hätten prüfen müssen, schrieben Belobigungen ab.
Der Mann war kein Niemand. Er war die Stimme der Wissenschaft im Weißen Haus, der Architekt der Lockdowns, der Mann, der Schulen schloss und Kirchen leerte und Millionen in ihre Wohnungen sperrte. Streng, kompromisslos, alternativlos. Wer sich ihm entgegenstellte, bekam den Staatsapparat zu spüren. Wer in derselben Arena forschte und anderer Meinung war, bekam etwas anderes: ein Etikett. "Nonsense" — Unsinn, Spuk, Störsignal — heftete er den Arbeiten anderer an, nannte sie ein "real problem" und würdigte sie keiner Erwiderung, sondern nur der Verachtung. Eine merkwürdige Architektur, dieses Gebäude. Oben die strenge, nicht verhandelbare Linie der Pandemiepolitik. Unten, in den privaten Zeilen, die Verachtung für jeden, der diese Linie auch nur in Frage stellte. Wer hier wessen Gegner war, lässt sich aus den Seiten nicht herauslesen. Wohl aber, wer am längeren Hebel saß — und wer den kürzeren zog.
Dann das Schweigen. Vor dem Senat, unter Eid, berief sich derselbe Mann mehr als hundertmal auf den Fünften Zusatzartikel der Verfassung — jenes Recht, sich nicht selbst zu belasten, das Bürgern zusteht, die nichts zu verbergen haben, und solchen, die alles. Wer hundertmal schweigt, hat entweder nichts zu sagen, oder sehr viel, das er nicht sagen will. In diesem Fall ist die Rechnung einfach: Wer Lockdowns für eine ganze Nation verhängt und zugleich jede konkurrierende Forschung als Unsinn brandmarkt, schuldet der Öffentlichkeit nicht nur Erklärungen, sondern Rechenschaft. Die Snopes-Faktenchecker, sonst das letzte Wort gegen Verschwörungstheorien, haben in den vergangenen Tagen mehrere der kursierenden Behauptungen aus dem Tagebuchkonvolut bestätigt — darunter jene bizarre Diskrepanz, die das Bild vollendet: In seinen privaten Aufzeichnungen schätzte Fauci die Letalität des Virus auf etwa zwei Prozent, basierend auf den damals 34.687 bekannten Fällen und 724 Toten. Was er dem Kongress sagte, klang anders. Was er der Öffentlichkeit sagte, klang noch anders.
Die Widersprüche stapeln sich, sie stehen nicht nebeneinander. Ein Tagebuch, das den Verfasser feiert, während die Grabkerzen brennen. Ein öffentlicher Mund, der Lockdowns predigt, und eine private Feder, die Kollegen als Spinner abkanzelt. Ein Amt, das absolute Konformität verlangt — Masken, Abstände, Schulschließungen, Impfkampagnen — und ein Schutzschild, der hundertmal ausgeklappt wird, wenn dieselbe Konformität vor dem Senat zur Frage wird. Die Wissenschaft, sagt man, lebt vom Widerspruch, vom Streit der Daten, vom lauten Disput. Was hier dokumentiert ist, sieht eher nach einer Kanzel aus. Wer predigt, duldet keinen Widerspruch. Wer schweigt, hat Gründe.
Man kann das eine Erkrankung nennen. Man kann es einen Karriereknick nennen, einen Mann, der nach Jahrzehnten im Scheinwerferlicht plötzlich im Dunkel steht und die Hände hebt, wie es das Gesetz ihm erlaubt. Man kann auch das Offensichtliche benennen: Hier hat jemand über Jahre hinweg eine Linie gezogen, und überall dort, wo diese Linie gekreuzt wurde, wurde gekreuzt — mit Anrufen, mit Etiketten, mit Verachtung. Fünfter Zusatzartikel. Sechzig Selbstnennungen. Zweiprozent. Lockdown. Nonsense. Es fügt sich.
Was bleibt offen, ist die Frage nach dem Maßstab: Wer misst eigentlich, ob ein Lockdown jene gerettet hat, die ein Tagebuch feierte — und wer zählt am Ende die Familien, die an einem Virus starben, über dessen wahre Gefährlichkeit der oberste Berater angeblich anders dachte, als er vor dem Kongress sprach?
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