HORMUZ BRENNT — DAS PROTOKOLL FEHLT
Es riecht nach Schwefel über der Straße von Hormuz. Oder nach Kerosin. Oder nach einer Pressemitteilung, die schneller brennt als das, was sie meldet.
Die Islamischen Revolutionsgarden — man schreibt das Wort aus, weil der Klang täuscht über das, was es trägt — verkünden dieser Tage eine Nachricht, die an den Börsen Wellen schlägt, bevor sie an irgendeinem Schreibtisch eines unabhängigen Beobachters geprüft werden kann. Drei Tanker. Eine Explosion. Eine verminte Route südlich der Meerenge. Zwei Schiffe wenden. Eines steht in Flammen.
Die Worte, die danach fallen, sind die alten: „Die Straße von Hormuz steht unter unserer Kontrolle." Solange die Vereinigten Staaten ihr „böses Treiben" in der Region fortsetzten, bleibe der Seeweg geschlossen. Dies ist nicht die Sprache eines Militärs, das einen Vorfall meldet. Dies ist die Sprache einer Drohung, die sich einen Vorfall gibt.
Man übersetze das einmal in die Währung, mit der die Männer in den Nadelstreifen rechnen. Die Meerenge zwischen Iran und Oman ist nicht irgendein Stück Salzwasser. Sie ist die engste Stelle jener Pipeline, durch die ein erheblicher Teil jenes Öls fließt, das den Verbrennungsmotor der Welt am Laufen hält. Wird dieser Hals verengt — durch Minen, durch Warnschüsse, durch die schiere Erklärung eines „unsicheren Korridors" —, dann steigt nicht nur der Spritpreis an der Tankstelle. Dann steigt die Prämie, die jeder Händler, jede Reederei, jede Versicherung auf das Wort Risiko legt. Das ist keine Theorie. Das ist Mechanik.
Nur: Wer hat die Mechanik in Gang gesetzt? Hier beginnt das Protokoll zu fehlen.
Die IRGC ist Ankläger, Zeuge und Richter in einer Person. Sie spricht von verminten Routen. Sie zeigt diese nicht. Sie meldet Brände. Sie legt keine unabhängige Schiffsposition vor, kein getrenntes Auge, keinen dritten Blick. Es gibt — Stand dieser Zeilen — kein öffentliches Protokoll einer unabhängigen Küstenwache, keine Meldung der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation, die diesen Minenbefund bestätigt. Die spiegelbildliche Meldung eines Vorfalls im Roten Meer — ein saudisches Schiff, die Encelia, im Bugbereich in Brand geraten, Besatzung nach Angaben der saudischen Staatsagentur SPA unverletzt — wird von Riad selbst veröffentlicht, getrennt im Klang, aber zeitlich so gelegt, dass die Dramatik sich gegenseitig verstärkt.
Was die IRGC darüber hinaus meldet, hat den Beigeschmack einer Inventur. In den vergangenen vierundzwanzig Stunden seien vier Schiffen die Durchfahrt verwehrt worden, nach Warnschüssen, durch die Südpassage, die zum „unsicheren Korridor" erklärt wurde. Wer diese „unsicheren Routen" befahre, dem werde mit „kraftvoller Antwort" begegnet.
Man halte inne. Vier Schiffe. Eine Passage. Ein Akteur, der sowohl die Regel als auch ihre Durchsetzung definiert. Das ist nicht Polizeiarbeit. Das ist Hoheitsanspruch im Format einer Pressekonferenz.
Und hier schweigen jene, die ansonsten nicht schweigen. Die Ölkonzerne, deren Tanker auf den Routen fahren, veröffentlichen ihre Positionsdaten erst auf wiederholte Nachfrage. Die Versicherer, deren Prämien sich am Montag neu kalibrieren werden, halten sich an Formulierungen, die ein Anwalt verdient hätte. Die Schiffsregister, die in Echtzeit wissen, wo welches Schiff ist, schweigen sich durch die Nacht. Die Börsen in London, Singapur, Dubai handeln bereits jene Volatilität, die aus dem Schweigen entsteht.
Wer profitiert, wenn ein Choke Point zum „unsicheren Korridor" wird? Wer profitiert, wenn die Versicherungsprämie auf eine Passage von wenigen Seemeilen sich verdoppelt, ohne dass ein unabhängiger Beobachter die Mine gesehen hat? Es sind nicht die Männer in den Nadelstreifen, die das bezahlen. Es sind die an der Kasse, die nach dem nächsten Einkauf noch einmal nachrechnen.
Die Frage, die offen auf dem Tisch liegt und die kein Sprecher in Teheran, Washington, Riad oder Brüssel bislang beantwortet hat, ist nicht klein. Sie lautet: Wer hat was gesprengt, wo sind die Aufzeichnungen, wer hat die Minen verlegt, wer hat sie ausgelöst, und wer hat ein Interesse daran, dass die Antwort im Nebel bleibt? Ohne diese Antwort ist jede Meldung — gleich von welcher Seite — Teil eines Drehbuchs, nicht eines Protokolls.
Die Bücher in dieser Geschichte sind nicht ausgeglichen. Das war nie ein Versehen.
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