Fünfundzwanzig Zentimeter – die Bilanz, die keiner führen will
Es gibt Zahlen, die zählen. Und Zahlen, die man zählt, damit man nicht zählen muss. Die Wassertiefe bei Kaub gehört zur zweiten Sorte. Fünfundzwanzig Zentimeter, gleicher Stand wie 2018, Rhein, Ende Juli. Wer Schiffe belädt, weiß: Bei diesem Pegel wird nicht mehr gefragt, ob die Fracht sich rechnet. Es wird gefragt, ob der Schiffsboden den Grund noch verlässt.
Das ist der Rhein. Eine Wasserstraße, auf der die Bilanzen von Kohle, Chemie, Stahl und Getreide rollen – seit Jahrzehnten, ohne dass jemand das Wort Resilienz in den Mund nehmen musste. Jetzt fällt der Rhein. Und mit ihm fällt eine Annahme, die in keinem Geschäftsbericht steht, aber jeden Geschäftsbericht trägt: dass dieses Wasser immer fließt.
Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung sagt es selbst, zwischen den Zeilen: Vorsichtsmaßnahmen. Martin Wolters meint, was jeder Stauer am Hafen meint: Ladung auf mehr Schiffe verteilen, Tiefgang halbieren, Fahrten verdoppeln, Kosten verdoppeln. Ein Rohstoffhändler, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung liest, fasst es gegenüber Reuters zusammen: Es komme der Punkt, an dem die Ladung zu klein werde, als dass sie sich lohne. Das ist Börsensprache für: Das Geschäft frisst sich selbst auf.
44 Prozent der Messstationen am Rhein, 78 Prozent an der Donau – Extremniedrigwasser, Ende Juli. Die Donau, die durch zehn Länder fließt, steht in Serbien und Rumänien so niedrig wie seit dreißig Jahren nicht. In Ungarn bringt das Niedrigwasser das einzige Kernkraftwerk des Landes an die Grenze der Stilllegung. In Serbien drosseln Kohlemeiler ihre Leistung, weil das Kühlwasser fehlt. Rumänien ebenso. Eine Hitzewelle, die sich fortsetzt, vierzig Grad und mehr, mindestens eine weitere Woche.
Was hier an die Oberfläche kommt, ist nicht Wasser, das fehlt. Es ist Infrastruktur, die für diesen Sommer nie gebaut wurde. Es sind Verträge, die ein Klima voraussetzen, das nicht mehr existiert. In Prahovo, Serbien, gibt das Donaubett ein Wrack aus dem Zweiten Weltkrieg frei – ein deutsches Frachtschiff, das dort unten lag und das niemand sehen wollte, weil niemand es bezahlen wollte. Das Bild geht um die Welt. Aber das Bild ist nicht die Pointe. Die Pointe ist: So liegt auch Europas Handelsinfrastruktur. Unter der Oberfläche. Sichtbar erst, wenn das Wasser geht.
Wer profitiert? Das ist die Frage, mit der jede vernünftige Ermittlung anfängt. Die Versicherer ziehen sich zurück: In Tschechien decken sie Kirschen und Aprikosen nicht mehr, Prämien steigen, Landwirte erreichen sie nicht. Zehn bis vierzig Prozent weniger Ernte, frühe Schätzungen, mehr als zwei Drittel des Landes unter agronomischem Stress. Selbst die Brauereien – jene Industrie, die in diesem Land für ihren Wasserverbrauch berühmt ist – müssen drosseln. Pavel Zahradnicek vom tschechischen Wetterdienst sagt, man müsse sich auf häufigere und heftigere Dürren einstellen. Das sind keine Schlagzeilen aus der Provinz. Das ist eine Lieferkette, die sich selbst auflöst – während in den Konzernzentralen weiter über Quartalsziele gesprochen wird.
Die World Weather Attribution hat am 23. Juli veröffentlicht, was keiner mehr hören will: Die Bodenfeuchtigkeitsdefizite in Mittel- und Osteuropa sind elfmal wahrscheinlicher geworden durch menschengemachten Klimawandel. Erwartet nun etwa alle fünfzehn Jahre. In einer Welt, die ein Komma vier Grad kühler wäre, wäre dasselbe Ereignis noch ein gemäßigtes. Diese Welt existiert nicht mehr. Wir leben in der anderen.
Die Struktur, die das trägt, hat einen Namen, den keiner ausspricht: externe Rechnung. Bezahlt wird sie, aber nicht von denen, die sie verursachen. Bezahlt wird sie von Landwirten, deren Kirschen nicht versicherbar sind. Von Reedern, deren Schiffe halb leer fahren. Von Arbeitern in Kühlwerken, die auf Kurzarbeit warten. Vom Betreiber des ungarischen Kernkraftwerks, der entscheiden muss, ob er Paks kaltfährt – mit allen Folgen für ein ganzes Stromnetz. Und am Ende, wir kennen das aus den Büchern von einst und von jetzt, vom Steuerzahler, der nichts gefragt wurde.
Was bleibt offen – und das ist die Frage, die diese Zeitung weiter verfolgen wird: Wer hat wann gewusst, dass die Pegel fallen? Welche Bauprojekte sind deshalb nicht gebaut worden, in welcher Hauptstadt, mit welchem Budget? Welche Fonds positionieren sich gerade auf steigende Binnentransportkosten? Welche Versicherer schreiben ihre Verträge um, bevor die Quartalsberichte erscheinen? Und wer bezahlt die Rechnung, wenn ein Kernkraftwerk vom Netz muss – in welcher Stadt, in welchem Fond, mit welcher Abschreibung?
Ich sitze in einem Café, das es 1937 nicht gab, und trinke einen Kaffee, der damals billiger war, und schreibe diese Zeilen, weil die Bücher schon wieder nicht ausgeglichen sind. Das war nie ein Versehen. Es war ein Geschäftsmodell.
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