Wessen Wasser trinken wir morgen? — Die Mechanik am Colorado
Es gibt Sätze, die klingen wie Verträge, und es gibt Verträge, die klingen wie Sätze. Am Colorado ist derzeit beides nicht mehr zu unterscheiden, und genau das ist der Punkt. Wenn eine Regierung verkündet, sie habe einen Zehnjahresplan, dann will sie nicht regieren — sie will verwalten, dass niemand mehr fragen kann, wer eigentlich regiert hat.
Die Ziffern zuerst, weil die Sprache sie braucht. Lake Mead und Lake Powell, zwei der größten Stauseen der Vereinigten Staaten, führen nach Angaben von CBS News „historisch niedrigste" Pegel. Sieben Bundesstaaten hängen am Colorado — Kalifornien, Arizona und Nevada im Unterlauf, Colorado, Wyoming, Utah und New Mexico im Oberlauf. Im Jahr 2000 produzierte der Hoover Damm am Lake Mead rund 5,5 Millionen Megawattstunden; 2023 nur noch etwa die Hälfte. Der Glen Canyon Damm am Lake Powell fiel von 4,5 Millionen auf etwa 2,7 Millionen Megawattstunden. Sollte der Pegel des Lake Powell noch um zehn Meter sinken, führt das Reservoir nicht mehr genug Wasser, um hydroelektrischen Strom zu erzeugen. Der Damm schweigt dann, und mit ihm die Turbinen.
Nun hat die Administration von Präsident Donald Trump am Freitag einen Zehnjahresplan vorgelegt, der, so die offizielle Lesart, „Flexibilität" schaffen soll, um „auf wechselnde hydrologische Bedingungen" zu reagieren. Wer diesen Satz sagt, sagt wenig; wer ihn unterschreibt, sagt viel. Innenminister Doug Burgum sprach von der „bewahrten Möglichkeit für die Beckenstaaten, weiter an dauerhaften, konsensbasierten Lösungen zu arbeiten". Es ist die Sprache eines Mannes, der ein Feuer mit einem Formular löscht.
Was der Plan vorsieht, ist kein Ausgleich. Kalifornien soll bis 2028 rund zwölf Prozent weniger Colorado-Wasser entnehmen, Arizona einunddreißig Prozent, Nevada achtundzwanzig Prozent. Die Unterlieger-Staaten gemeinsam könnten bis 2036 bis zu 130 Milliarden Kubikfuß verlieren — genug, um 25 Millionen Menschen ein Jahr lang zu versorgen. Das ist keine Dürre mehr, die man verwaltet; das ist eine Verteilung, die man verhängt. Die entscheidenden Details — wie viel Wasser unter wechselnden Bedingungen tatsächlich fließen soll — fehlen im Plan; die Managemententscheidungen sollen alle zwei Jahre fallen. Das ist, man verzeihe die Direktheit, kein Versäumnis. Das ist Architektur.
Wer schweigt im Protokoll? Die Oberlieger-Staaten. Kelly Shannon McNeill, Geschäftsführerin von LA Waterkeeper, hat es bereits benannt, nüchtern und ohne Ausschmückung: Die Oberlieger hätten ihren Verbrauch im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesteigert und argumentierten, sie könnten sich keine Kürzungen leisten. „Es geht um den politischen Willen", sagte sie. Man könnte ergänzen: Es geht um die politische Bereitschaft, den eigenen Verbrauch nicht zu erwähnen, wenn man über den Verbrauch der anderen spricht.
Die Gouverneurin von Arizona, Katie Hobbs, hat den Plan bereits als „ungerecht" und „föderal verhängt" zurückgewiesen. Die Kürzungen seien für Arizonaner „inakzeptabel" und würden „jeden Amerikaner in Gefahr bringen". Es ist das erste Mal in dieser Geschichte, dass eine Gouverneurin mit demselben Wort antwortet, mit dem die Bundesregierung zu antworten pflegt: Risiko. Beide Seiten sprechen jetzt von Überleben. Das ist neu. Oder, besehen, endlich ehrlich.
Was die Städte erwartet, hat die Bundesregierung selbst eingeräumt: höhere Kosten bei der Wassersicherung, Beschränkungen der Nutzung im Außenbereich, und das wiederum trifft vor allem die Bauern, die den Großteil verbrauchen. Eine ökologische Katastrophe, die als Wirtschaftsproblem verkauft wird, ist immer auch eine politische Entscheidung — wer zahlt, wer schweigt, wer profitiert, wenn der Hahn dünner wird.
Kalifornien, das ein Drittel seines Wassers für die Städte und Vororte Südkaliforniens sowie zur Bewässerung von Millionen Acres Land aus dem Colorado bezieht, hat nach langer Verhandlung eingelenkt. JB Hamby, der Vorsitzende des Colorado River Board of California, hatte es selbst formuliert: „Kalifornien hat den größten Anteil am Colorado River." Wer den größten Anteil hat, hat am meisten zu verlieren — und am meisten zu unterschreiben.
Die Mechanik ist alt. Wer je ein Protokoll gelesen hat, erkennt sie wieder: Man lässt eine Krise reifen, bis sie unumkehrbar scheint; man ruft zur Einheit auf, während man die Last einseitig zuschneidet; man veröffentlicht einen Plan ohne jene Zahlen, die den Plan erst zum Plan machen; und man spricht, wenn alles unterzeichnet ist, von „Flexibilität" und „Konsens". Das ist keine Verschwörung. Das ist Verwaltung, wenn Verwaltung meint, Verantwortung unsichtbar zu machen.
Der Colorado fließt noch. Aber er fließt, wie die Sprache der Mächtigen fließt — in die Richtung, in die man ihn lenkt.
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