Choreografie der Herkunft — wer schreibt Lamine Yamals Wahrheit?
Er hebt die Arme zum Torjubel, formt mit den Fingern die Ziffern 304, und Millionen Fernsehgeräte zeigen das Bild eines Jungen, der genau weiß, wo er herkommt. Lamine Yamal, neunzehn Jahre alt, Sohn marokkanischer und äquatorialguineischer Einwanderer, aufgewachsen in Rocafonda, einem Viertel der katalanischen Küstenstadt Mataró — er trägt ein Haarband mit dem Namen dieses Viertels und macht aus jedem Treffer eine Geste der Zugehörigkeit.
Schön anzusehen. Wer wollte das bestreiten.
Aber ich habe in Genf zu lange Verträge gesehen, die niemand las, um nicht zu fragen, wem ein solches Bild nützt. Wer choreografiert die Inszenierung, und wer bezahlt dafür?
Man lese die Mechanik der Worte. Da erklärt eine spanische Psychologin, Leticia Martín Enjuto, in der Online-Zeitung Lecturas, Yamal sei „ein klares Beispiel dafür, dass wir, wenn wir unsere Wurzeln mit Stolz annehmen, unser Selbstverständnis stärken". Man beachte die Grammatik: nicht Yamal stärkt sein Selbstverständnis, sondern „wir". Aus dem Individuum wird ein Kollektivpronomen, aus dem Torjubel eine pädagogische Handreichung für die Welt. Die Psychologin selbst ist keine zufällige Stimme; sie gehört in das Lager einer populären positiven Psychologie, die seit gut zwanzig Jahren aus jeder menschlichen Regung einen Wachstumsbefund destilliert — Wurzelarbeit, Integration, Selbstverständnis, lauter Begriffe, die inzwischen auf Broschüren und in Buchhandlungen stehen wie einst Gebete im Katechismus.
Nun ist es keineswegs verwerflich, dass eine Psychologin das Verhalten eines jungen Mannes deutet. Verwerflich wird es, wenn die Deutung selbst zur Ware wird. Focus online zitiert, Press24 reicht weiter, Algorithmen vervielfältigen — bis am Ende eine ad hoc erstellte Erklärung als Wahrheit gilt. Was hier geschieht, ist die Industrialisierung der Erzählung: Ein Gestus auf dem Platz, ein Schriftzug auf einem Stirnband, die letzten Ziffern einer Postleitzahl — und binnen Stunden ist eine kohärente Identitätslehre daraus geworden, komplett mit therapeutischer Beglaubigung.
Yamal selbst hat im amerikanischen Magazin 60 Minutes gesagt, Rocafonda sei „vergessen" wie viele benachteiligte Viertel, man kämpfe und genieße gemeinsam, und man sei stolz. Das ist seine Stimme, und sie verdient Respekt. Aber man achte auf die Architektur drumherum: das amerikanische Leitmedium, das dem Sohn einer katalanischen Einwandererfamilie die Bühne bietet; die spanische Boulevardpresse, die das Bild für ein Publikum bündelt, das spanische Volkshelden mit Migrationsgeschichte längst konsumieren will; die psychologische Deutungshoheit, die das Individuum in eine Lehre verwandelt. Es sind drei Instanzen, die dieselbe Erzählung tragen — und es ist kein Zufall, dass sie zusammenfallen.
Denn wem nützt es? Dem Jungen selbst, gewiss — ein Marktwert, der ohne diese Erzählung nicht halb so hoch wäre. Den Sponsoren, deren Logos sich an einem derart semantisch aufgeladenen Körper gut verkaufen lassen. Der katalanischen wie spanischen Politik, die sich mit einem Europameister von 2024 schmücken kann, dessen Herkunft die Erzählung von der gelungenen Integration perfekt illustriert — gerade rechtzeitig für ein Finale 2026. Und einer ganzen Branche von Ratgebern und Therapeuten, die aus derlei Geschäft ein Geschäftsmodell gemacht haben.
Was dabei unsichtbar bleibt: die Rocafondas selbst. Jenes wirkliche Viertel in Mataró, das kein Stirnband trägt und keine Kameras empfängt. Die Psychologin spricht von einem „emotionalen Raum", in dem „Beziehungen, Anstrengung, Solidarität, Chancen und manchmal auch Schwierigkeiten" gelernt würden — eine hübsche Formulierung, die das Elend in eine pädagogische Metapher bügelt. Yamal, so wird uns erklärt, „bricht mit der Erzählung" und mache seine Wurzeln zum Grund für Stolz, statt sich von ihnen zu distanzieren, weil die stabilste Identität die sei, die „es schafft, die Vergangenheit zu integrieren". Das ist, genau besehen, keine Psychologie — das ist Markenführung. Eine Geste, die gleichzeitig den Markt der Identitätsprodukte bedient und die Mär von der erfolgreichen Integration bestätigt. Sie funktioniert, weil sie beiden Seiten gibt, was sie brauchen: den Konsumenten das Gefühl, an einer historischen Korrektur teilzunehmen, und dem System die Bestätigung, dass es funktioniert.
Unklar bleibt am Ende, wann aus einem Jungen, der stolz auf seine Herkunft ist, ein global distribuierter Lehrmeister wird, und wer den Hebel dazu umlegt. Offen ist auch die Frage, wem die Stimme des Viertels eigentlich gehört — demjenigen, der es verließ, oder denen, die blieben.
Ich trage Handschuhe beim Schreiben, schon seit Jahren. Man verbrennt sich die Finger, wenn man das Erhabene anfasst, ohne zu prüfen, wer es lackiert hat.
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