Achtzehn Stunden, bevor der Vorhang sich hebt
Man lernt in Genf, wie Verhandlungen sterben. Nicht am Tisch — davor. In der Stunde, in der die Einladung verschickt wird. In der Zahl der Stunden, die bleiben, um zu antworten. Achtzehn, sagt das Protokoll. Achtzehn, sagt die Quelle. Achtzehn, sagt das Kanzleigerücht aus Westminster an einem Mittwoch, der nach Dialog schmecken sollte und nach Theater roch.
Premierminister Andy Burnham lud, noch jung im Amt und sichtlich hungrig nach dem Gestus des Staatsmannes, zu sogenannten „cross-party talks" über die soziale Pflege. Empfänger der Einladung: Kemi Badenoch, Chefin der Konservativen, und Ed Davey, Führer der Liberaldemokraten. Nigel Farage wurde nicht eingeladen — ein knappes, höfliches Detail, das man sich merken muss, denn genau hier beginnt das Netz sich zusammenzuziehen. Offiziell, weil er kein Abgeordneter sei. Diese Formulierung steht in der Zeitung wie ein Siegel auf einem Dokument, das niemand öffnen will.
Dann die zweite Zahl, die alles entschlüsselt. Achtzehn Stunden Vorlauf. Weder Badenoch noch Davey konnten in Person erscheinen. Sie schalteten sich online zu, oder sie schalteten sich gar nicht zu — das bleibt, nach Lektüre der vorliegenden Berichte, eine offene Frage. Wer mit einer Frist von achtzehn Stunden vorgeladen wird, hat keine Zeit für Berater. Keine Zeit für Stellungnahmen. Keine Zeit für die Troika aus Kanzlei, Schattenkabinett und Rechtsabteilung, die jeden Satz gegen die Wand des Widerspruchs prüft, bevor er die Lippen verlässt. Achtzehn Stunden sind die diplomatische Übersetzung von: Seid höflich. Erscheint. Lächelt. Geht wieder.
Es ist eine alte Technik. Sie funktioniert in drei Akten. Akt eins: die Einladung, kurz, knapp, im Ton unverhandelbar. Akt zwei: die Teilnahme, formell, höflich, substanzlos. Akt drei: die Pressekonferenz, in der der Premier verkündet, er habe „zugehört", er habe „Konsens angestrebt", er habe „die Hand ausgestreckt". Das Bild ist fertig, bevor die Sonne untergeht. Was fehlt, ist Inhalt. Was bleibt, ist die Geste.
Und wem nützt es? Das ist die Frage, die in Westminster nie gestellt wird, weil ihre Antwort zu unbequem wäre. Burnham nützt es — der junge Premier, der sich als Brückenbauer inszeniert, ohne eine Brücke zu bauen. Ob Badenoch sich schadet oder nützt, bleibt eine Rechnung mit zu vielen Unbekannten. Davey nützt es, weil jede Kamera, in der sein Name erscheint, sein politisches Überleben verlängert. Farage schadet die Ausladung nicht; er wurde ausgeschlossen, also kann er die Ausgeschlossenen bedienen. So entsteht keine Verhandlung, sondern eine Choreografie der Eingeladenen und Ausgesperrten, deren Füße bereits wissen, wo sie stehen werden, wenn das Licht angeht.
Man darf das Offene benennen, weil die Fakten es hergeben. Unklar bleibt, wann genau die Einladung versandt wurde — am Dienstagabend, am Mittwochmorgen? Diese Stunden zählen; sie sind der ganze Trick. Unklar bleibt, welche Vorlage den Empfängern tatsächlich vorlag: ein Diskussionspapier, ein Thesenkatalog, ein leeres Whiteboard? Einen „consensus", wie ihn die Wächter der Pflegereform seit Jahrzehnten fordern, lässt sich in achtzehn Stunden nicht herstellen; er lässt sich in achtzehn Stunden nur behaupten.
Die Handschuhe liegen neben der Schreibmaschine. Man zieht sie nicht aus. Man tippt mit ruhiger Hand weiter, weil das, was hier geschieht, nicht überrascht. Es ist die alte Mechanik: eine Einladung mit Verfallsdatum, ein Gastgeber, der die Uhr stellt, eine Öffentlichkeit, die zusieht, wie Konsens gespielt wird, während die Akteure wissen, dass nichts verhandelt wird, was man nicht schon vorher festgelegt hat.
In Genf, in einem anderen Leben, nannte man das „constructive ambiguity". Heute, in Westminster, nennt man es Pressemitteilung. Das Spiel heißt nicht mehr Schach. Es heißt Reklame.