Die Wiederauferstehung des Prinzen: Anatomie einer medialen Huldigung
Man hat mich einst in Genf gelehrt, dass jeder Vertrag, der unterzeichnet wird, bereits einen kleinen Betrug in sich trägt — nur die Höhe des Preises variiert. Wenn heute eine Ana Navarro, Co-Moderatorin von 'The View', dem Sohn eines ehemaligen Präsidenten als 'riveting', als 'the biggest troll' huldigt und dabei eine neunzigminütige Audienz als Akt der Aufklärung verkauft, dann sollten wir nicht länger die Bühne betrachten, sondern die Sohlen der Akteure.
Hunter Biden — ein Name, der in Washington seit einem Jahrzehnt wie eine schlecht schließende Truhe durch die Gassen getragen wird. Burisma, der ukrainische Gasriese, habe ihm und seinem Gefährten Devon Archer, so erinnert uns das House Oversight Committee, jeweils eine Million Dollar jährlich überwiesen, nachdem beide 2014 in seinen Verwaltungsrat berufen wurden. Dies geschah just in jenem Moment, als sein Vater, der damalige Vizepräsident, die amerikanische Ukraine-Politik der Obama-Administration steuerte. Zufälle gibt es. In der Diplomatie nennt man sie Koinzidenzen. Im Kriminalrecht nennt man sie Indizien.
Hunter Biden selbst räumte vor wenigen Wochen im 'Armchair Expert'-Podcast ein, er hätte diesen Sitz nie annehmen sollen. Eine Bemerkung, die in jedem seriösen Gerichtssaal als nachträgliches Geständnis gewertet würde. Sein Vater, der zwischenzeitlich im Weißen Haus residierte, ward der Justiz überantwortet — nicht der ukrainischen, sondern der eigenen. Merrick Garland, sein ernannter Generalstaatsanwalt, wurde vom Sohn postum als 'the single greatest mistake' der Präsidentschaft des Vaters gebrandmarkt. Garland, der durchaus den Sohn selbst wegen Steuervergehen und eines unerlaubten Waffenkaufs verfolgen ließ, habe versäumt, Donald Trump wegen der Ereignisse vom 6. Januar zur Rechenschaft zu ziehen. So lasse sich, aus der Logik des Hauses Biden, das Schicksal einer ganzen Nation an einem einzigen Ernennungsakt festmachen — eine Logik, die in der Staatskunde ihresgleichen sucht.
Nun also Ana Navarro. Auf dem 'Behind the Table'-Podcasts von ABC bewirbt sie die kommende Folge, in der sie einen Mann präsentiert, mit dem sie für ihren eigenen 'Bleep!'-Podcasts eineinhalb Stunden gesprochen hat. 'Riveting, riveting', wiederholt sie. 'The biggest troll.' Wir hören das Adjektiv und denken an einen Bänkelgesang, dessen Refrain sich auf jeder Plakatwand findet: Wer getrollt wird, hat es verdient. Wer trollt, gehört zu den Unbesiegbaren. Diese Logik ist der rote Faden, der durch das moderne amerikanische Mediengewerbe läuft — und wer sie nicht spinnt, wird aus der Karussellkutsche geworfen.
Navarro liefert das Argument gleich mit: Die Affäre Burisma sei 'nicht einmal kleines Wechselgeld' im Vergleich zu jenen Milliarden, welche die Trump-Familie aus der Präsidentschaft gemolken habe. Man darf das eine Verzerrung nennen, oder man darf es eine Übersetzung nennen. Burisma überwies eine Million pro Jahr an einen Sohn, dessen Vater die Politik gegenüber dem zahlenden Land bestimmte. Trump-Familie bezog Milliarden aus dem laufenden Geschäft eines Präsidentenamtes. Beide Summen sind Summen. Beide Umgebungen sind Verquickungen. Aber eine Moderatorin, die behauptet, ein Vergleich gleicher Qualität werde hergestellt, indem sie die Kategorien wechselt, liefert keine Aufklärung, sondern ein Ablenkungsmanöver. Es ist, als würde man einen Ladendiebstahl mit einem Bankraub rechtfertigen, indem man zeigt, dass beide unter das Strafgesetzbuch fallen.
Die Mechanik dahinter ist uralt. Wer die kleinere Straftat ins Scheinwerferlicht der größeren stellt, verschiebt das Auge des Betrachters — und wer das Auge besitzt, besitzt den Verstand. 'The View' besitzt Augen. Die Sendung sitzt seit Jahrzehnten auf einem Podest, das demokratische Wählerseelen formt wie kaum ein zweites Format. Wer dort eineinhalb Stunden lang einem Mann das Wort erteilt, der über einen ehemaligen Generalstaatsanwalt herfällt, während sein Vater ihm per Begnadigung die Anklage vom Halse schaffte — nach einer gescheiterten Anhörung im Repräsentantenhaus, die nie zu einem Amtsenthebungsverfahren führte —, der inszeniert nicht ein Interview. Der inszeniert eine Rehabilitierung.
Und wer wäre der Nutznießer? Hunter Biden, der seine Memoiren verkauft, seine Kunst verkauft, seinen Namen verkauft. Navarro, die Quote verkauft. ABC, das Werbezeit verkauft. Die Trump-Administration, die jede solche Geste als Beleg für die vermeintlich kollabierende Moral der Gegenseite verkauft. Es ist ein Spiel, in dem jeder Verlust des anderen zum eigenen Gewinn wird, und niemand muss zugeben, dass er mitgespielt hat.
Wer dabei verschwindet, ist der Souverän. Der Zuschauer, der Bürger, der Wähler. Er sieht einen 'riveting' Auftritt, einen 'biggest troll', eine Geste der Selbstironie über das weiße Pulver im Westflügel. 'No, I would have never forgotten my coke', lässt sie den Sohn spotten. Das Secret Service schloss seine Ermittlung, ohne einen Verdächtigen zu benennen. Das FBI, so wird uns berichtet, habe den Fall 2025 erneut geöffnet. Ob dies zur Aufklärung oder zur Verlängerung des Spuks geschieht, bleibt, wie so vieles in dieser Geschichte, dem Auge des Betrachters überlassen.
Navarro verteidigt zugleich die Kunstverkäufe des Sohnes. Jedes Bild sei durch eine Prüfung gegangen, der Künstler habe 'sein Leben lang gemalt'. Hier wird ein Argument aufgefahren, das in seiner Argumentationsstruktur an die Verteidigung der Schweizer Banken in den Dreißigern erinnert: Geld sei nicht schmutzig, solange seine Wege in den Akten sauber dokumentiert sind. Die Wege. Nicht die Herkunft. Die Wege.
Wenn Whoopi Goldberg, eine der Säulen des Podests, dem Sohn daraufhin rät, weiter zu trollen — diesmal über den Laptop —, dann schließt sich der Kreis. Was als Investigativformat begonnen wurde, ist zur Liturgie geworden. Die Runde stimmt das Lob an, der Sohn rezitiert die Reue, der Vater bleibt unsichtbar, und die Kamera fängt die Verwunderung des Publikums ein, das zu applaudieren vergaß, weil es noch nachdenkt.
Ich trage Handschuhe, wenn ich dies schreibe. Nicht weil mir kalt ist, sondern weil man auf den Stoffen, die ich berühre, keine Fingerabdrücke hinterlassen soll. Die Huldigung, die hier eine Journalistin einem Mann zollt, der in Anhörungen und einer Begnadigung steht, ist kein Gespräch über Twitter-Späße. Sie ist die Übersetzung einer politischen Operation in die Sprache der Unterhaltung. Und wer die Sprache kontrolliert, hat noch nie verloren — auch nicht jenen Krieg, den er gar nicht führt.
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