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Terminal Tribune

8. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Der Handschlag, der die Rechnung verschiebt

8. August 2026 — — Kastner

Es gibt Sätze, die klingen wie Marmor und zerbröseln wie Kreide, sobald man sie an die Wand der Fakten wirft. „Electricity bills for American families will actually come down", sagte der Präsident am Donnerstag vergangener Woche, umringt von Firmenchefs, Gouverneuren und einem Energie­minister, der den Namen Wright trägt — als hätte die Geschichte ein Faible für Ironie. Die Veranstaltung trug einen Namen, der nach Schutz klingt, der aber nichts schützt: „Ratepayer Protection Pledge". Freiwillig. Unverbindlich. Eine Bürgschaft, die niemand verbürgt.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Dreiundzwanzig Gouverneure, fünfundfünfzig Versorgungs­unternehmen, siebenundzwanzig Rechenzentrums­entwickler haben unterzeichnet. Google, Microsoft, Meta, Oracle, xAI, OpenAI, Amazon. Sieben Namen, die das Wort „KI" so selbstverständlich tragen wie ein Monogramm auf einem Seidenhemd. Sie alle haben sich, so heißt es, dazu verpflichtet, die Kosten für neue Energie­infrastruktur selbst zu tragen, damit der amerikanische Strom­kunde — der kleine Mann, die Familie, die Rentnerin in Northern Virginia mit ihrer Rechnung über tausend Dollar im vergangenen Winter — nicht zur Kasse gebeten wird. Das klingt nobel. Das klingt fast nach Anstand.

Es klingt nicht nach dem, was im Mai 2025 die Energie­beratung ICF in einer Analyse ausgewählter Versorger festgestellt hat: dass die Strompreise für Privathaushalte in den nächsten fünf Jahren um fünfzehn bis vierzig Prozent steigen könnten. Es klingt nicht nach PJM, dem größten Netz­betreiber des Landes, der dreizehn Bundesstaaten versorgt und dessen Kapazitäts­preise innerhalb von zwei Jahren von unter dreißig auf dreihundertneunundzwanzig Dollar pro Megawatt-Tag gestiegen sind — eine Verzehnfachung, die kein Pledge der Welt einfängt, weil der Pledge die Hände hebt, wo PJM die Faust zeigt. Und es klingt nicht danach, dass dieselben Tech-Konzerne, die in Washington den Schutz der Strom­kunden unterschreiben, in Sacramento Gesetzes­vorhaben bekämpfen, die diesen Schutz tatsächlich erzwingen würden. Matthew Freedman, Anwalt bei der Utility Reform Network, bringt es auf den Satz, den man sich merken sollte: Es sei enttäuschend, wenn auch nicht überraschend, dass dieselben Unternehmen, die den Pledge zeichnen, gleichzeitig jede verbindliche Regelung auf Bundesstaats­ebene sabotieren.

Hier liegt das Muster frei, auch wenn es in Gold und EPA-Logo gewickelt ist. Der Pledge ist ein Bühnen­stück, keine Satzung. Er ist freiwillig. Er ist unverbindlich. Er hat keine Zähne, keine Klausel, keinen Vollstrecker. Wer dort unterschreibt, gibt ein Versprechen, dessen Bruch folgenlos bleibt. Es ist das Papier, auf dem Vertragspolitik geschrieben steht — und es hat die Stabilität von Konfetti im Wind. Der Präsident, ein Mann, der das Goldene liebt, hat den Pledge ins Licht gerückt wie einen neuen Kronleuchter im Ballsaal eines Anwesens, das niemand bezahlen muss, der im Saal steht. „Your community and your state's going to become rich", sagte er. „If you don't take all that money, somebody else is going to take it." Man beachte die Grammatik des Goldgräbers: Wer das Angebot ablehnt, verliert; wer es annimmt, gewinnt. Es gibt im Satz kein drittes Wort für jene, die später zahlen.

Sie zahlen. Northern Virginia hat es im Winter vorgemacht, als Haushalte Rechnungen über tausend Dollar aus dem Briefkasten zogen, weil das KI-Boom-Land dort das Netz bis in die Adern gefüllt hat. Daten­zentren verbrauchen heute viereinhalb Prozent des amerikanischen Stroms; bis 2030, so die Projektion, sollen es zwölf sein. Sieben von zehn Amerikanern lehnen den Bau solcher Zentren in ihrer Nachbarschaft ab, wie eine Gallup-Umfrage im Mai ergab — eine Mehrheit, die der Präsident höflich übergeht, indem er die Architektur preist. „All my life, the biggest building in the whole world was the Pentagon, and you can fit 25 Pentagons into some of these." Es ist die Rhetorik eines Mannes, der Immobilien verkauft, nicht Strom.

In Florida kündigte der republikanische Kongress­abgeordnete Byron Donalds, Gouverneurs­kandidat, vergangene Woche Gesetzes­vorhaben an, die verhindern sollen, dass KI-Rechenzentren die Versorgungs­kosten treiben — selbst in einem Bundesstaat, dessen Gouverneur den Pledge unterzeichnet hat. Es ist das Eingeständnis, dass das Versprechen dort nicht hält, wo es hätte halten sollen. In Washington hat man das Manuskript bereits in die Vitrine gelegt. Es sieht dort gut aus. Es sieht dort aus wie ein Vertrag. Und es ist doch nichts weiter als eine Handschrift auf Wasser, das nach dem nächsten Megawatt-Tag verdunstet.

Die Frage, die bleibt, ist die alte, die immer bleibt: Wer profitiert von der Gnade der Freiwilligkeit? Die Konzerne, die ihre Lasten auf das Netz verlagern, ohne sie zu nennen; die Versorger, die neue Kraftwerke bauen und die Rechnung an jene adressieren, die nicht unterschrieben haben; die Berater, die zwischen beiden Seiten vermitteln und an jeder Transaktion verdienen. Der Pledge ist das schönste Möbelstück in einem Raum, dessen Miete die Hausbewohner zahlen. Und wer die Hand hebt, um hinzuzeigen, dem wird erklärt, er solle froh sein — denn irgendjemand werde reich. Nur nicht er.

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