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Terminal Tribune

8. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Stranded in Accra: Das Protokoll des Verschweigens

8. August 2026 — — Kastner

Es gibt eine Stunde, in der jede Katastrophe zu sich selbst kommt. In Accra war es die Nacht zum neunundzwanzigsten Juni dieses Jahres — eine Stunde, in der eine Gummifabrik in Flammen stand und das Wasser so hoch stand, dass die Männer mit den Schläuchen nicht dorthin gelangten, wohin sie gehörten. Die Ghana National Fire Service hat es bestätigt, in jener nüchternen Sprache, die Behörden wählen, wenn sie gerade noch soeben die Wahrheit sagen: Die Überschwemmung, sagte man, sei ein direkter Faktor der verzögerten Reaktion auf den Brand von Circle-Odawna. Es ist ein Satz, der in seiner Beiläufigkeit verrät, was er nicht sagt. Er sagt nicht, wie viele. Er sagt nicht, wo. Er sagt nicht, wer.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Das ist das Protokoll, das uns interessiert. Nicht das Wasser selbst — das Wasser kommt und geht, und wer an einem Ort lebt, der so gebaut ist wie Accra, der weiß das, der wusste das, der hat es immer gewusst. Was uns interessiert, ist die Architektur des Verschweigens, die sich über diese Nacht gelegt hat wie ein zweites Wasser, stiller, kälter, gründlicher.

Denn sehen wir genau hin. Eine Gummifabrik in einer Hauptstadt, die bei jedem Regen knietief unter Wasser steht, ist kein Betriebsunfall. Sie ist eine Antwort auf die Frage, wo ein Geschäft sich ansiedeln darf, das niemand in seinem Vorgarten haben möchte. Sie ist die Antwort auf die Frage, welche Stadtteile als Pufferzone zwischen Industrie und Repräsentation dienen, welche Viertel als Ventil gebaut werden, durch das Wasser abfließen soll, das höher gelegene Orte nicht mehr aufnehmen wollen. In Accra ist Circle-Odawna ein solcher Ort, und wer dort wohnt, wohnt in einer Infrastruktur, die für die Frage nach der Zahl der Betroffenen keine Antwort bereithält.

Die internationale Berichterstattung hat die Bilder geliefert, rasch und glatt, wie man es sich angewöhnt hat: Feuer und Flut, Bewohnerinnen gestrandet, Feuerwehrleute behindert. Al Jazeera, GhanaWeb, die einschlägigen Kanäle — sie haben getan, was man von ihnen verlangt. Sie haben die Oberfläche protokolliert. Sie haben nicht gezählt. Niemand hat gezählt. Und genau hier beginnt das, was ich das zweite Protokoll nenne: das Protokoll der unsichtbaren Zahl.

Denn wer gestrandet ist, ist nicht einfach betroffen. Gestrandet ist, wer keinen Zugang hat. Zu keiner Evakuierungsroute, keiner Notunterkunft, keiner Liste. Gestrandet ist, wer in den Schatten der Statistik fällt, weil Statistik nur das zählt, was sich zählen lässt, und das, was sich nicht zählen lässt, ist in Accra nach jeder Überschwemmung derselbe alte Bekannte: die informellen Siedlungen, die Händlerinnen am Straßenrand, die Familien, die in einem Haus wohnen, das auf keinem Plan steht, weil es niemanden interessiert, sie auf einen Plan zu setzen, solange das Haus nicht zu wertvoll ist, um es abzureißen, und nicht zu wertlos, um es zu vergessen.

Stranded — das Wort, das jetzt durch die Nachrichtenwelt geistert wie ein höflicher Gast auf einer Beerdigung. Es sagt alles und es sagt nichts. Es suggeriert ein passives Schicksal, als habe das Wasser die Menschen ausgesucht wie ein Verhängnis aus heiterem Himmel. Aber Accra ist kein Schicksal. Accra ist eine Geografie, die gemacht wurde. Von Investoren, von Stadtplanern, von jenen freundlichen Herren, die in Konferenzräumen sitzen und sagen: Wir werden die Drainage verbessern. Sie sagen das seit Jahrzehnten. Sie sagen es in der Trockenzeit. Sie sagen es mit Grafiken. Und wenn der Regen kommt, schweigen sie.

Wer profitiert? Das ist die Frage, die man nicht laut stellt, in Accra nicht und anderswo auch nicht. Wer profitiert davon, dass die Rettungswege unpassierbar sind, wenn die Stadt ertrinkt? Wer profitiert davon, dass die Feuerwehr nicht dorthin kommt, wo sie hingehört? Es muss nicht zwingend ein Mensch sein, der profitiert. Es kann auch eine Struktur sein. Eine Struktur, in der es bequem ist, dass die Armen weiter arm bleiben, weil sie auf einem Boden stehen, der ihnen nicht gehört und nie gehören wird, und auf dem es sich gut investieren lässt, sobald die Überschwemmungen die letzte verbliebene Konkurrenz weggespült haben.

Die GNFS hat gesprochen. Sie hat gesagt, das Wasser habe ihre Männer behindert. Das ist wahr. Aber es ist eine Wahrheit, die von einer anderen Wahrheit ablenkt: dass diese Männer schon vor dem Wasser nicht dort waren, wo sie hätten sein müssen, weil es dort, wo sie hätten sein müssen, keine Hydranten gibt, keine Straßen, keine Wendemöglichkeit für ihre Fahrzeuge. Die Überschwemmung war nicht die Ursache. Sie war der Vollstrecker einer Ursache, die älter ist.

Und die Zahl? Die Zahl, die wir nicht haben. Wie viele Menschen wirklich abgeschnitten waren — nicht evakuiert, nicht registriert, nicht versorgt, sondern einfach abgeschnitten, in der Dunkelheit, in der Nacht, im Wasser — das weiß niemand. Das wissen die Behörden nicht, weil sie nicht hingehen. Das wissen die Hilfswerke nicht, weil sie keine Listen haben. Das wissen die Journalistinnen nicht, weil sie aus den betroffenen Vierteln längst wieder weggefahren sind, zurück in ihre klimatisierten Studios, wo die Karten noch immer trocken sind. Wer es garantiert nicht weiß, das ist die Instanz, die es am meisten wissen müsste: die kommunale Verwaltung. Denn eine Verwaltung, die eine Zahl nicht hat, hat auch keine Verantwortung. Und wer keine Verantwortung hat, hat auch keine Schuld.

So bleibt uns, am Ende dieses kurzen Protokolls, das Unbehagen. Das Unbehagen einer Berichterstattung, die das Wort stranded benutzt, als sei es eine Naturkatastrophe. Das Unbehagen einer Fabrik, die brennt, während die Stadt ertrinkt, und niemand fragt, warum eine Fabrik dieser Größe in einem Viertel steht, das bei Regen zum Fluss wird. Das Unbehagen einer Zahl, die nicht existiert, weil sie niemand erheben wollte.

In Genf habe ich Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen. Das sind keine besonderen Erfahrungen — sie sind die Grunderfahrung jeder Diplomatie, jeder Stadtverwaltung, jeder Behörde, die den Auftrag hat, das Leid zu zählen, und die sich stattdessen entschließt, es nicht zu zählen, weil das Zählen die Frage nach sich zieht, die niemand beantworten möchte: Was hast du getan, als du wusstest, dass es so weit kommen würde?

Accra, neunundzwanzigster Juni. Die Gummifabrik brennt. Das Wasser steigt. Die Listen bleiben leer. Und über allem liegt die Stille derer, die genau wissen, dass sie eines Tages werden schweigen müssen — und die sich längst darauf vorbereitet haben.

❖ Ende des Artikels ❖

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