Die Kissen, der Stuhl, die Kandidatur — und die Frage, die niemand stellt
Es gibt Sätze, die wie Handschuhe über faulen Früchten liegen. Mike Lindell liefert sie im Dutzend. "My company is stronger than ever", sagt er im Interview mit KSTP, am Tag, an dem er seinen Stuhl räumt. "This decision is not about walking away. It is about stepping forward to serve." Man höre das "stepping forward". Man höre die Politur, das Pathos. Man lege die Unternehmensmitteilung daneben, und man sieht die zweite, die wahre Grammatik des Satzes: Ein Mann übergibt ein Unternehmen, das er 2004 selbst gründete, an James Furlong, der es bereits zwischen 2004 und 2019 als Präsident führte, während Justin Butler als Finanzvorstand antritt — und behält sich einen Sitz im Aufsichtsrat sowie eine Minderheitsbeteiligung. Lindell sagt: "I will be no longer involved in any way, shape or form." Eine kleine, präzise Unwahrheit, denn ein Aufsichtsratssitz ist Beteiligung in Reinkultur, ist Beobachtungsposten, ist Einflusskanal. "Any way, shape or form" ist eine Form, die er selbst nicht ausfüllt.
Man darf fragen, warum gerade jetzt. Die Wahl in Minnesota ist für den 11. August angesetzt, die ersten Stimmen sind bereits abgegeben. Eine Umfrage von KSTP/SurveyUSA sieht Lindell bei 35 Prozent, neun Punkte vor der Sprecherin des Repräsentantenhauses Lisa Demuth, während der parteiendorsierte Geschäftsmann Kendall Qualls mit 11 Prozent abgeschlagen wirkt. Präsident Trump hatte Lindell im Juli über die Parteistruktur hinweg gestützt. Wer also rechnet, sieht einen Kandidaten mit Rückenwind, der dennoch ein Imperium verlassen muss, um es zu führen. Die Auflösung dieses Widerspruchs ist nicht sentimental. Sie ist juristisch, kaufmännisch, politisch.
Da ist zunächst die Wohnsitzfrage. Die staatliche GOP wandte sich an Secretary of State Steve Simon mit der Bitte, die Residenzregeln für Kandidaten zu klären — Lindells Status betreffend. Lindell nannte es vor WCCO "a lie" und "a hit job". Beides, die Anfrage und ihre Zurückweisung, sind Rituale: Sie verbrauchen Aufmerksamkeit, sie füllen Spalten, sie zwingen den Kandidaten in eine Pose. Aber sie zeigen auch, dass die eigene Partei ein Auge auf ihn wirft — und ein wachsames. Die separate Beschwerde, er habe am 4. Juli in Delano bei einer Parade Kissen mit "Mike Lindell for Governor"-Branding ins Publikum geworfen und damit Wahlkampfgesetz verletzt, ist ein zweites Auge, ein behördliches. Es summiert sich. Ein CEO, der Kandidaten-Kissen wirft, ist eine rechtliche Figur; ein Kandidat, der Kandidaten-Kissen wirft, ist eine andere. Beide vertragen sich nicht im selben Anzug.
Hinter dem Vorhang, auf den niemand blickt, sitzt die Frage der Marke. MyPillow ist nicht irgendein Unternehmen; es ist die Signatur eines Mannes, der seit Jahren politischer Aktivist ist — die Wikipedia-Notiz "conspiracy theorist" sei hier nicht überlesen, nur höflich übergangen. Wer das Kissen kauft, kauft ein Gesicht, eine Stimme, einen Wahlkampf, eine Anhängerschaft. Das eine Unternehmen, das er abgibt, ist genau das Unternehmen, das ihn zum Kandidaten gemacht hat. Die Trennung, so wird sie verkauft, ist eine Frage der Zeit. In Wahrheit ist sie eine Frage der Risikoverteilung. Sollten die juristischen Anfechtungen Früchte tragen, fallen sie auf den Kandidaten — und der Stuhl, den er gerade räumt, ist mit dem anderen nicht mehr verkettet.
James Furlong ist kein Zufall. Er kennt das Haus; er hat es bereits einmal geführt. Justin Butler kommt als Finanzvorstand hinzu — eine Figur, deren Aufgabe es ist, Zahlen lesbar zu machen, Bilanzen zu glätten, Distanz herzustellen. Man darf das als Übergang lesen. Man darf es auch als Vorbereitung lesen: auf eine mögliche Trennung, einen Verkauf, eine Umstrukturierung. Was gerade nicht geschrieben steht, ist genau das, was man lesen muss. Eine Minderheitsbeteiligung ist kein Eigentum; sie ist ein Hebel.
Lindell schreibt: "Minnesota deserves my full attention, and that's exactly what I'm giving it. I'm all in." Es klingt wie ein Schwur. Es klingt wie ein Mann, der einem Kissen entsagt. Aber die Handschuhe, die er beim Schreiben trägt, sind dieselben, die er beim Handaufheben trägt. Das muss man nicht glauben. Man muss es nur zur Kenntnis nehmen.