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Ithaka existiert nur, solange jemand es bezahlt

9. August 2026 — — — Kastner

Es gibt kein Heim. Es gibt nur die Inszenierung der Heimkehr. Das wussten die Griechen, und das wissen jene, die heute — in Studios, an Börsen, in Hauptstädten der Welt — von neuem jene Geschichten kaufen, die seit dem achten Jahrhundert vor Christus die Sehnsucht der Macht befeuern: die Erzählung vom langen Weg zurück in ein Reich, das ohne den Heimkehrer nicht mehr existieren kann.

Christopher Nolan hat einen Film gedreht, der diesen Mechanismus sichtbar macht — und ihn zugleich verschleiert. Es ist der Verdacht, der sich aufdrängt, sobald man die ersten Bilder gesehen hat und die Zahlen liest, die Hollywood Reporter bereits am ersten Wochenende verkündete: hundertzwanzig Millionen Dollar allein in den Vereinigten Staaten, zweihundertachtundfünfzig weltweit. Das ist nicht das Ergebnis einer künstlerischen Entscheidung. Das ist das Ergebnis einer Kalkulation, in der Homer nur noch als Markenname fungiert.

Man hat ein echtes Holzpferd durch den Sand gezogen. Diese Nachricht klingt wie ein Aperçu, ist aber tatsächlich der Schlüssel zum ganzen Unternehmen. Das Trojanische Pferd, jene älteste aller Inszenierungen der Täuschung, wurde leibhaftig vor Kameras durch eine Landschaft bewegt, die nichts weniger als die Bühne bereitstellen soll, auf welcher ein jahrtausendealter Stoff seine zeitgenössische Wiederauferstehung feiern darf. Wer immer diesen Aufwand genehmigte — und dies sei angemerkt, weil es die Architektur des Spektakels sichtbar macht —, das italienische Kulturministerium erteilte seine Erlaubnis für Dreharbeiten am Castello di Santa Caterina auf Favignana samt temporärer Ergänzungen an dessen Außenfassaden, um den Eindruck einer Festung optisch zu erweitern. Man baute also Kulissen der Macht, damit eine Geschichte der Macht glaubwürdig erscheine. Wer dergleichen veranlasst, hat nicht Kunst gefördert, sondern ein Statement gesetzt.

Es gab bereits im Vorfeld Kontroversen um die Besetzung. Diversitätsdebatten, so nennt man es, wenn die Frage verhandelt wird, wer das Recht hat, die alten Rollen mit neuem Fleisch zu füllen. Doch diese Kontroversen sind selbst Teil des Spiels: Sie erzeugen Aufmerksamkeit, bevor ein einziges Bild veröffentlicht ist, und sie verwandeln das, was einst ein kulturelles Erbe war, in einen Verteilerschlüssel für Marktanteile. Wer hier gewinnt, ist nicht die Geschichte. Es ist das Produktionshaus.

Ursula Kähler, promovierte Filmwissenschaftlerin und Kennerin der Materie, hat es in dieser Zeitung formuliert, wie es formuliert werden musste: Nolan verschenke die Chance, einen epochalen Film vorzulegen, vor allem aus kommerziellen Gründen. Das ist die höfliche Lesart. Die ungeschminkte lautet: Es wurde eine Heimkehr inszeniert, die niemals ankommen wird. Ithaka, dieser mythische Ort der Sehnsucht, bleibt eine Fata Morgana, ein Versprechen, das seine ökonomische Funktion erfüllt, lange bevor es seine narrative Funktion hätte erfüllen können.

Nun wird man einwenden, dies sei das Wesen des Kinos. Gewiss. Aber gerade das Kino, das sich dem Analogen verschreibt, das mit langen Einstellungen, mit Mitternachtssonne Islands, mit schwarzem Lavasand arbeitet — gerade dieses Kino lebt von der Suggestion, dass die Zeit selbst eine andere sei. Nolan drehte im Juni, im unheimlichen Licht der Mitternachtssonne, für die Sequenzen, die der Hades verlangte; ein streng überwachter Zeitmesser bändigte jede Einstellung. Die Zeit wurde also nicht nur dargestellt, sondern verwaltet. Wer die Zeit verwaltet, verwaltet das narrative Kapital. Wer das narrative Kapital verwaltet, verwaltet die Geduld des Publikums.

Man vergleiche dies mit Uberto Pasolinis Rückkehr nach Ithaka aus dem Jahr 2024, einem Werk mit Ralph Fiennes und Juliette Binoche, das trotz minimalistischer Inszenierung mit mehr Wucht getroffen haben soll als alles, was Nolans Maschinerie aufzubieten vermag. Dort, in der Reduktion, geschieht etwas, das die Inflation der Mittel nicht erreicht: die Wahrheit der Heimkehr als Illusion. Hier, in der Expansion, wird genau diese Wahrheit zugeschüttet.

Es gibt einen dritten Akteur in diesem Spiel, dessen Erwähnung notwendig ist, weil er das Muster im Großen bestätigt. Das kalifornische Unternehmen Reflect Orbital hat, unter dem Slogan "The Sunlight Company", den Satelliten Eärendil-1 genehmigt bekommen. Eärendil, der Sternenfahrer aus einer anderen großen europäischen Mythologie, soll nun buchstäblich Sonnenlicht auf die nächtliche Erde werfen. Es klingt, schrieb die Süddeutsche Zeitung präzise, als wäre es auf einem Futurologen-Kongress unter der Leitung Elon Musks ersonnen worden. Was hier verkauft wird, ist die Aufhebung der Nacht, die Beendigung der Dunkelheit, die Verheißung eines Zustands, in dem nichts mehr verborgen bliebe. Man beachte die Wahl des Namens: nicht Hesperus, nicht Phosphoros, sondern Eärendil — der Wanderer zwischen den Sphären, der Seefahrer der Lüfte, der nie ankam.

Die Parallele ist keine zufällige. Beide Projekte — der Film und der Satellit — gehorchen derselben Grammatik der Macht. Sie versprechen Licht, das zuvor nicht da war. Sie versprechen Heimkehr an einen Ort, der ohne den Versprechenden nicht existieren kann. Sie versprechen die Auflösung einer Sehnsucht, die gerade dadurch unauflöslich bleibt, dass man sie zu kommerzialisieren versteht.

Wir leben, so scheint es, in einer Epoche der permanenten Odyssee. Männer und Frauen, die sich als Heimkehrer gerieren, ohne je fort gewesen zu sein. Industrien, die sich als Erleuchter gerieren, während sie das wenige verbliebene Dunkel der Welt in Ware verwandeln. Es ist die Struktur des Mythos, die hier ihre zeitgenössische Anwendung findet: Nicht der Inhalt zählt, sondern die Bewegung. Nicht das Ziel zählt, sondern die Erzählung des Unterwegsseins.

Die spöttische Klugheit Homers, der des Schreibens vermutlich unkundig war und dennoch das Wesen der Macht benannte, bevor es jemand wagte, ist uns abhanden gekommen. Wir haben seine Geschichten gekauft, wir haben seine Figuren besetzt, wir haben seine Schauplätze bebaut — und wir haben vergessen, dass die Sirenen nicht deshalb gefährlich waren, weil sie schön sangen, sondern weil sie jene, die ihnen lauschten, nie mehr losließen.

Wer also in den kommenden Wochen in die Vorstellungen strömt und sich vom Glanz der Bilder blenden lässt, sollte eine Frage mitbringen, die älter ist als das Kino: Cui bono? Wem nützt die Heimkehr? Wer wird an Ithaka verdienen? Und vor allem: Wer hat das Pferd gebaut, das durch den Sand gezogen wurde?

Die Antwort liegt — wie stets — in jenen Räumen, die kein Kamerablick jemals erreicht.

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