Siegmunds Schwalbe: Die Mechanik des Trotzdem
Man muss es sich vorstellen wie eine Inszenierung mit verteilten Rollen, deren Drehbuch niemand unterschreiben muss, damit sie funktioniert: Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, besteigt am Sonntag in Weißenfels ein Moped vom Typ Simson Schwalbe, lässt sich vor rund 1500 Menschen auf dem Marktplatz ablichten und fährt anschließend eine zweistündige Runde durch den Saale- und Burgenlandkreis. Die Choreografie ist nicht neu — Tangermünde, Bitterfeld, nun Weißenfels —, und sie ist auch kein Zufall. Wer das dritte Mal dasselbe tut, hat eine Formel gefunden.
Die Formel heißt „trotzdem".
Sie ist, genau besehen, das eigentliche Wahlkampfprodukt der AfD in Sachsen-Anhalt, haltbarer als jedes Plakat, präziser als jede Rede. Die Partei wird vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem geführt; die Umfragen sehen sie deutlich vor der regierenden CDU. Wer so weit vorne liegt, muss nicht mehr provozieren, um gehört zu werden — er provoziert, um gehört zu bleiben. Das „trotzdem" ist in dieser Logik kein Trotz, sondern eine Vokabel des Marketings.
Blickt man auf das Bild des Mannes auf der Schwalbe, so fällt zunächst auf, was fehlt: kein Eigentum an der Marke, kein Einverständnis der Namensgeber, kein Respekt vor der Geschichte, die der Name trägt. Die Simson-Werke in Suhl gingen auf die jüdischen Brüder Simson zurück; die Familie wurde 1936 von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben und floh in die Vereinigten Staaten. Heute leben die Nachfahren dort. Ihr Sprecher Dennis Baum hat erklärt, die Familie sei „schockiert" darüber, dass der Name auf T-Shirts oder Postern in Verbindung mit der AfD auftauche. Eine politische Vereinnahmung müsse „vollkommen ausgeschlossen" sein, sagte Baum — und benannte damit genau jenen Mechanismus, den Siegmunds Auftritt in Weißenfels demonstrabel wieder in Gang setzte.
Man kann den Auftritt als Provokation lesen. Man kann ihn auch als Antwort lesen. Beides stimmt — und beides ist zu wenig.
Es ist Provokation, weil die AfD den Protest kennt und dennoch handelt; nicht aus Versehen, sondern mit dem Kalkül, dass die Empörung die eigene Botschaft verlängert. Jede Schlagzeile über die empörten Erben ist eine Schlagzeile über die Schwalbe. Es ist Antwort, weil die AfD hier auf einen Vorwurf reagiert, den die Geschichte selbst formuliert hat: dass eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei nicht im selben Satz mit einer jüdischen Unternehmerfamilie genannt werden darf, deren Vertreibung 1936 begann. Die AfD antwortet, indem sie das Verbot ignoriert. Sie leugnet die Geschichte nicht — sie schluckt sie. Sie macht sie sich einverleibt, marketingfähig, ostdeutsch kultig, tragbar. Simson, das ist in dieser Logik nicht mehr jüdische Familiengeschichte und nicht mehr Entrechtung; Simson ist Marke, ist Schwalbe, ist S 50, ist Lebensgefühl und Mobilität.
Was bleibt, ist ein zweiter Blick auf das Arrangement. Vor dem Auftritt hatten Gegnerinnen und Gegner den Marktplatz mit Kreide bemalt — eine Geste, die das ist, was sie ist: eine Spur, ein Niederschlag des Widerspruchs, mit Kreide auf Pflaster, vergänglich und doch lesbar. Während der Reden gab es keine Gegendemonstration. Das bedeutet nicht, dass es keinen Widerspruch gab; es bedeutet, dass der Widerspruch an den Rand der Bühne geschoben wurde, von wo aus er die Aufmerksamkeit nicht mehr störte. Die AfD inszeniert sich gern als belagerte Partei. Hier wurde das Belagerungsbild buchstäblich vorbereitet — mit Kreide — und mit einer Ausfahrt beantwortet, die zeigt: Wir sind viele, wir sind beweglich, wir fahren.
Die Frage, wem der Auftritt nützt, ist leicht zu beantworten: der AfD. Die Frage, wem er schadet, ist komplizierter. Er schadet der Familie Simson, die nicht nur ihren Namen, sondern das Andenken an eine Vertreibung 1936 zur Kulisse einer Wahlkampffahrt gemacht sieht. Er schadet jenen 1500 Menschen nicht, die gekommen sind — sie sind Publikum, nicht Betroffene. Er schadet auch jenen nicht, die zu Hause geblieben sind und von der Ausfahrt lesen werden. Er schadet, mit Verlaub, niemandem im Wahlkreis — außer jenen, die ohnehin nicht wählen würden.
Was er kostet, ist Würde. Was er einbringt, ist Aufmerksamkeit.
Unklar bleibt — und hier beginnt der eigentlich investigative Teil —, wer in der AfD-Strategie die Wiederholung der Schwalbenfahrten angeordnet hat. Unklar bleibt auch, ob die Mopeds im Eigentum der Partei stehen, private Sammlerstücke sind oder für den Anlass geliehen wurden; die Berichterstattung schweigt dazu, und Schweigen ist in solchen Inszenierungen selbst eine Aussage. Klar ist hingegen, dass der Name Simson, jüdisch, vertrieben, in den USA lebend, hier als ostdeutsches Lebensgefühl verkauft wird — und dass der Verkauf exakt dann am besten funktioniert, wenn er vorher als Affront markiert worden ist.
Denn das ist die eigentliche Mechanik des „trotzdem": Es braucht einen Affront, der öffentlich benannt wird, damit die Übertretung als solche sichtbar wird. Die Erben müssen protestieren, damit die Fahrt zur Fahrt wird. Würde die AfD schweigen, gäbe es keine Schlagzeile. Also wird der Protest gerne gesehen. Nicht aus Liebe zum Streit — aus Liebe zur Quote.
Wer in Weißenfels auf dem Moped saß, hat das Theater nicht erfunden. Aber er hat es in eine Form gebracht, die sich wiederholen lässt, die Aufmerksamkeit trägt, die Wut erzeugt und Wut in Wählerstimmen umrechnet. Das ist die stille Kunst dieses Wahlkampfs: Er braucht die Empörung wie der Motor den Treibstoff. Wenn der Tank leer ist, fährt er nicht.
Siegmund wird weiter fahren. In Weißenfels, so darf man annehmen, nicht zum letzten Mal. Und Dennis Baum wird weiter erklären müssen, was 1936 geschah — während in Suhl, dem Ort der einstigen Werke, längst niemand mehr zu den Brüdern Simson gehört, die das Unternehmen trugen. Der Name ist mobil geworden. Er fährt mit. Er fährt über Pflaster, das mit Kreide beschrieben wurde. Er fährt an einem Verfassungsschutz vorbei, der die Partei als gesichert rechtsextrem einstuft. Er fährt, „trotzdem".
Es ist die eiskalteste Mechanik, die derzeit auf einem sachsen-anhaltischen Marktplatz zu besichtigen ist.