Sieben Wochen Stille, dann 47 Prozent
Es gibt Zahlen, die wie ein Schuss in einer leeren Halle klingen — laut, überdeutlich, und doch merkwürdig zeitversetzt. Am ersten August dieses Jahres, mitten in der Hitze des Spätsommers, veröffentlichte die New York Post eine Umfrage der University of California, Irvine, deren Feldforschung bereits am 9. Juni begonnen und am 12. Juni geendet hatte. Sieben Wochen hatte sie in der Schublade gelegen. Sieben Wochen, in denen irgendjemand entschied, wann sie ans Licht durfte — und das ist, in einer Wahlkampfarchitektur wie dieser, niemals eine zufällige Entscheidung.
Steve Hilton, der republikanische Herausforderer im Rennen um das Gouverneursamt Kaliforniens, führt demnach in Orange County mit 47 zu 44 Prozent gegen den Demokraten Xavier Becerra. Sein Lager spricht von einer Sensation. Die Maschinerie, die solche Sensationen braucht, spricht von einer Nachricht.
Man wird angewiesen, das Ergebnis nicht als Faktum zu lesen, sondern als Symptom. Gut. Lesen wir es als Symptom — und fragen wir uns, welche Krankheit es anzeigt.
Orange County war einst eine Festung der Republikaner, ein Bezirk, in dem das Wahlsystem funktionierte wie ein gut geöltes Uhrwerk. Das ist vorbei. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die demographische Architektur verschoben; inzwischen sind mehr Wähler als Demokraten registriert als Republikaner. Knapp ein Drittel der Wähler ist unabhängig, und genau in diesem Niemandsland entscheidet sich, wer den Bezirk tatsächlich gewinnt. 46 Prozent der Unabhängigen wählen Becerra, 38 Prozent Hilton. Es ist also kein Erdrutsch. Es ist eine hauchdünne Mehrheit, zusammengehalten von der eisernen Disziplin der republikanischen Basis — 94 Prozent, eine Treuequote, die in Wien 1938 vermutlich auch als Volksabstimmung verkauft worden wäre — und einer Reihe von Wechselwählern, denen der Poll-Direktor Jon Gould bescheinigt, sie fänden Hilton "gemäßigt konservativ", eine Formulierung, die in der Sprache dieses Landes so viel bedeutet wie: Er schreit nicht ganz so laut.
Wer hat diese Umfrage bezahlt? Welche Methodik lag ihr zugrunde? Welche Gewichtungen, welche Stichprobengröße? Die Veröffentlichung schweigt darüber, und dieses Schweigen ist lauter als jeder Prozentpunkt.
Was wir sehen, ist die Mechanik: Hilton nutzt das Ergebnis sofort. "Wir haben Becerra in Kaliforniens drittgrößtem County überholt", verkündet er. Millionen Kalifornier sagten: Genug ist genug. Es klingt wie das Manuskript eines Mannes, der seit Monaten gegen den Wind segelt und nun plötzlich ein Dokument in Händen hält, das ihm die Wahrheit seiner Sache bestätigt — eine Wahrheit freilich, die er dringend brauchte, weil die anderen Dokumente anders lauten.
Denn das Public Policy Institute of California sieht Becerra im Staatesweiten mit 25 Prozentpunkten vorne. Andere Erhebungen sprechen von 61 zu 36. Es ist, als würde man in einem Saal, in dem das gesamte Orchester Dur spielt, von einer einzelnen Oboe hören, sie spiele das Thema des Abends. Irvine ist diese Oboe.
Und dann jene ganzseitige Anzeige, die Hilton kürzlich geschaltet hat: "Can you be anti-Trump but still vote for me?" Es ist die Anzeige eines Mannes, der in seinen eigenen internen Zahlen gelesen hat, dass die Wähler ihn mit dem Präsidenten verwechseln. Trumps Unterstützung, in Kalifornien so populär wie ein Ständchen um vier Uhr morgens, ist ein Vermögen, das sich in eine Hypothek verwandelt hat. Wer eine solche Anzeige drucken lässt, kämpft gegen sein eigenes Gepäck.
Es bleibt die offene Frage: Wer hat die Irvine-Erhebung in Auftrag gegeben, wer hat sie finanziert, und warum durfte sie sieben Wochen lang nicht veröffentlicht werden? Ein republikanisches Spendernetzwerk? Eine konservative Denkfabrik? Ein Berater, der die alte Erzählung von der "schweigenden Mehrheit" wiederbeleben will, die Nixon einst erfand und die seither in jedem Wahlzyklus als Phönix aus der Asche steigt? Man darf spekulieren, dass die Antwort näher an Hiltons Lager liegt als an der akademischen Unabhängigkeit, die das Etikett der UC Irvine verspricht.
In Genf habe ich Verträge gelesen, die niemand einzuhalten gedachte, und die Männer, die sie unterzeichneten, lächelten dabei, als machten sie einander ein Kompliment. Zahlen sind die Verträge unserer Zeit. Man bewundert die Unterschriften — und vergisst, wer den Tisch gedeckt hat.
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