180 Kliniken, ein Netz, keine Antworten: Karnatakas stille Digitalisierung
Man muss dem Minister zugutehalten, dass er die Bühne betritt, ohne zu zögern. U.T. Khader, dessen Überraschungsinspektionen und die öffentliche An-den-Pranger-Stellung abwesender Ärzte zur politischen Folklore Karnatakas gehören, hat in Mangaluru eine Zahl in den Raum gestellt, die nach Fortschritt klingt: 180. So viele staatliche Krankenhäuser sollen dem e-hospital-System angeschlossen werden — viermal so viele wie die 40, die bisher als Versuchslabor dienten, vier Module, vier Verwaltungsbezirke, drei Monate Erprobung, ein Ziel: papierlos. Die Worte fallen leicht in einer Zeit, in der die Digitalisierung des Gesundheitswesens als Heilsversprechen verkauft wird. Doch wer hält die Fäden, wenn 180 Knoten zu einem einzigen Netz verschmelzen?
Der Minister verspricht, was alle versprechen, bevor es schlimm wird: „Care will be taken to ensure the privacy of the records." Ein Satz, weich wie Samt, inhaltsleer wie ein Handschlag in der Lobby. Vier unterschiedliche Module konkurrieren — „Whichever model works well will be adopted", sagt Khader. Auf welcher Grundlage? Nach welchen Kriterien? Kompatibel mit welchen Sicherheitsstandards? Wer wertet aus, wer entscheidet, welches der vier Modelle künftig die intimsten Daten von 180 Krankenhäusern verschluckt? Unklar bleibt, welche Architektur den Zuschlag erhält — und vor allem, wer sie dann kontrolliert, wer sie prüft, wer die Schlüssel besitzt.
Dann ist da die Ayushman Bharat Health Account-Nummer, jene Kennung, die an die Stelle der Aadhaar-Karte tritt, sobald ein Patient ein Krankenhaus betritt. Die National Health Authority preist sie als Schlüssel zur nahtlosen Kommunikation — Diagnosen, Laborberichte, Verschreibungen, alles fließt durch einen einzigen Identifikator. Khader selbst, so berichtet es die Pressekonferenz, hat nicht spezifiziert, wie diese ABHA-Nummer in das e-hospital-System integriert werden soll. Man darf das als Nebensächlichkeit lesen, oder als das, was es ist: eine architektonische Leerstelle in einem Gebäude, das 180 Standorte umfassen soll. Wenn der Einlass nicht geregelt ist, nützt das schönste Portal nichts.
Die Architekten des Projekts sprechen von 42 crore für Infrastruktur und 32 crore für Tele-ICUs — Summen, die großzügig verteilt werden, während die Details der Server-Sicherheit im Halbdunkel bleiben. „We will ensure a robust server", versichert der Minister. Robust gegen wen? Gegen externe Angreifer, die in einem vernetzten Gesundheitswesen eine lukrative Beute sehen? Gegen interne Neugier, gegen die schleichende Korruption von Daten, deren Wert sich erst dann bemisst, wenn sie in falsche Hände geraten? Sechs Monate, so der Zeitplan, sollen Tele-ICUs und neonatologische Einheiten stehen — ein Zeitfenster, das in der indischen öffentlichen Beschaffungspraxis eher Wunsch als Vertrag ist. Die Erfahrung derer, die in Genf Verträge gegenzeichnet haben, die niemals eingehalten wurden, lehrt: Wer Zeitpläne ohne Vertragsstrafen verkündet, hat sie nicht zu halten.
Und dann die Zukunft, die der Minister wie eine Zugabe serviert, beiläufig, fast bescheiden: Private Krankenhäuser sollen Zugriff auf die Behandlungsdaten erhalten. Damit Patienten, so die offizielle Lesart, „continue treatment there" — ihre Behandlung dort fortsetzen können. Das ist keine Geste. Das ist Architektur. Wer profitiert, wenn die Schnittstellen zwischen öffentlich und privat erst einmal geöffnet sind? Die privaten Kliniken, die mit lückenlosen Akten werben können? Die Versicherer, die Risiken präziser kalkulieren? Jene, die Datenpakete zu Geld machen, lange bevor der Patient die Schwelle des nächsten Krankenhauses überschritten hat? Khader sagt es nicht. Wer schweigt, hat meistens schon verhandelt.
Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der Minister diese Erweiterung verkündet, der bereits binnen Stunden nach Amtsantritt mit Krankenhausbesuchen Schlagzeilen machte. Die Überraschungsinspektionen offenbarten weniger digitale Defizite als ganz handfeste Versäumnisse: fehlende Ärzte, leere Stationen, die banale Abwesenheit dessen, was kein Server der Welt ersetzen kann. Vielleicht ist die Digitalisierung gerade deshalb so verführerisch: Sie verspricht, mit einem Algorithmus zu reparieren, was zuvor an personeller Substanz fehlte. Sie ist die elegante Antwort auf eine Frage, die niemand offen ausspricht — ob die 180 Krankenhäuser, einmal vernetzt, tatsächlich besser behandeln oder lediglich besser dokumentieren.
Man darf fragen. Man muss fragen. Wer ist der Patient in diesem Netz — und wer die Ware? Welche Garantien bestehen, dass die Daten der Ärmsten, die sich kein privates Krankenhaus leisten können, nicht zur Handelsware einer Infrastruktur werden, deren Wachstum schneller ist als ihre Aufsicht? Ist das Gesundheitswesen Karnatakas bereit für dieses Smart-Control, oder wird hier, im Glanz der Zahlen, das Entscheidende übersehen — der Mensch, dessen Krankheit sich nicht standardisieren lässt?
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