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Zwischen Anden und Aktiengesellschaft: Wer haftet für das schmelzende Eis?

10. August 2026 — — — Kastner

Huaraz liegt am Fuß einer sterbenden Welt. Auf 3.000 Metern, wo die Luft dünner wird und die Götter der Inkas einstmals wachten, sitzt ein Mann namens Saúl Luciano Lliuya in einem Haus, das jeden Tag ein Stück näher an eine Flutwelle rückt. Über ihm, in schwindelerregender Höhe, zerbricht ein Gletscher — jener Gletscher, der einst die Wasserregulation des Tals besorgte und heute nur noch eine einzige Sprache spricht: die des Schmelzens. Lliuya hat das gemessen, gezählt, dokumentiert. Er ist Bauer, kein Klimaforscher. Aber in seinem Teil der Anden wird Wissenschaft nicht von denen gemacht, die in klimatisierten Räumen sitzen, sondern von denen, die zusehen müssen, wie der See über ihnen anschwillt. Wenn ein Stück Eis bricht, so die ZEIT, könnte die Flutwelle sein Dorf treffen und Tausende Menschen töten.

Das wissen wir. Was wir nicht wissen — und hier beginnt die Architektur des Schweigens, die mich seit dreißig Jahren nicht mehr überrascht — ist, warum ausgerechnet dieser Mann, allein, mit einem Übersetzungsproblem und einem Berg, sich anschickt, einen der größten Energiekonzerne Europas vor ein deutsches Gericht zu zerren. Lliuya verklagt RWE. Es ist, soweit die Aktenlage es hergibt, der erste zivilrechtliche Versuch eines Einzelnen, ein Unternehmen für konkrete Folgen der Erderwärmung haftbar zu machen. Der Satz klingt groß. Er ist klein. Er ist der Satz eines Mannes, der weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, dass er gewinnt, ungefähr so groß ist wie die, dass sein Gletscher sich von selbst wieder zusammensetzt.

Ich habe in Genf Verträge gesehen, die niemand einhielt. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen. Und ich sage Ihnen: Das ist kein juristischer Fall. Das ist ein Lehrstück über das, was wir Macht nennen, und über das, was wir uns weigern, Verantwortung zu nennen.

Schauen wir hin. Lliuya steht vor einer Wand. Nicht vor einer Wand aus Beton — vor einer Wand aus Bilanzen, Anwälten, Tochtergesellschaften, Sitzverlegungen, Stadtwerken und der wohlfeilen Formulierung, der Klimawandel sei ein „globales Problem", für das niemand allein verantwortlich gemacht werden könne. Diesen Satz höre ich seit 1992. Er wurde in Rio gesagt, in Kyoto, in Paris, in Glasgow. Er hat die Form einer Entschuldigung, die sich als Analyse verkleidet. Er ist das Codewort derer, die lieber weiter expandieren als sich erklären.

Was die Aktenlage hergibt, ist überschaubar, und das ist bereits ein Befund. Die ZEIT berichtet. Eine Audiofolge, ein Videogespräch, der Hinweis auf das gefährdete Haus. Kein Wort zum Ausgang. Die externe Korroboration erzählt die zweite Hälfte, die der geneigte Leser sich zusammenfügen muss: Das Verfahren ist gescheitert. Das Gericht hat die Klage zurückgewiesen. Eingereicht vor fast zehn Jahren — ein Jahrzehnt, in dem ein Konzern aus Essen seine Anwaltsregie bezahlen konnte und ein Bauer aus den Anden seine Zeit. Die Asymmetrie ist nicht nur finanzieller Natur. Sie ist zeitlicher, informationeller, sprachlicher, kultureller Natur. Sie steckt bereits in der Architektur des Verfahrens, bevor dieses überhaupt eröffnet wird.

Was bei der Recherche auffällt, und was hier angemerkt sei: die Stichwortlieferung des Recherchekollektivs Correctiv, die uns als Grundlage dient, behandelt nicht diesen Fall, sondern den Machtkampf in der nordrhein-westfälischen AfD. Das ist kein Zufall. Es ist die Verteilung der Aufmerksamkeit. Während die Journaille wochenlang über innerparteiliche Listen streitet, sickert einer der folgenreichsten Zivilprozesse der Klimageschichte durch die Maschen. Saúl Luciano Lliuya, dokumentiert in der ZEIT, verschwindet aus der kollektiven Erinnerung, kaum dass sein Name in einer Schlagzeile stand. Unklar bleibt, warum Correctiv den Fall bislang nicht auf eigene Recherchegefäße gehoben hat. Unklar bleibt, welche Mittel, welche redaktionellen Kapazitäten, welche Verabredungen es sind, die über Sichtbarkeit entscheiden. Das Schweigen ist hier kein Nichtwissen. Es ist eine Entscheidung.

Aber zurück zu Lliuya. Was die Konzernarchive preisgeben, ist die Standardverteidigung: dass die Emissionen eines einzelnen Unternehmens keine konkrete Flutwelle über einem konkreten Haus verursachen können. Das ist juristisch nachvollziehbar. Es ist moralisch unerträglich. Denn die gleiche Logik, konsequent zu Ende gedacht, befreit jeden Verursacher von jeder Verantwortung: weil immer auch andere verursachen. Weil die Atmosphäre keine Quittung mit Absender ausstellt. Weil die Kausalkette so lang ist, dass am Ende niemand mehr an ihr ziehen muss. Dies ist die eleganteste Form der Straffreiheit, die das 21. Jahrhundert hervorgebracht hat: die Unmöglichkeit des Beweises im Angesicht der Totalität des Schadens.

Man nennt das in der Diplomatensprache „Verteilung der Verantwortung". In der Sprache der Anden nennt man es das Wasser, das kommt.

Was bleibt, ist die Frage, wer den Preis zahlt. Lliuya hat ihn gezahlt. Mit Jahren, mit Gesundheit, mit der Würde, die ein Mann verliert, wenn er vor einem Saal voller Unbeteiligter seine Existenz erklären muss. Es gibt, soweit ich sehe, keinen Hinweis, dass RWE auch nur einen einzigen Satz dieses Ausmaßes gesprochen hätte. Konzerne sprechen in Pressemitteilungen. Sie sprechen in Nachhaltigkeitsberichten. Sie sprechen in der dritten Person Singular, als wäre das eigene Handeln eine Naturkraft.

Ich trage Handschuhe beim Schreiben. Nicht weil ich friere. Sondern weil die Tinte, die ich auftrage, nie ganz trocknet, wenn die Macht noch feucht darüberstreicht. Lliuya trägt keine Handschuhe. Er trägt Verantwortung. Für ein Haus, für ein Tal, für eine Zivilisation, die ihm einst das Eis nahm und ihm jetzt das Recht verweigert, es zurückzuverlangen.

Die Akte Lliuya gegen RWE wird in den Annalen stehen. Nicht weil er gewann. Sondern weil er überhaupt klagte. Das ist die traurigste Zeile, die ich in dieser Zeitung geschrieben habe. Sie ist nicht traurig aus Mitleid. Sie ist traurig aus Präzision.

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