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Terminal Tribune

10. August 2026

Dossier · Politik & Macht

WER ZÄHLT DIE TOTEN, WENN DER STAAT ES NICHT TUT?

10. August 2026 — — Kastner

Die Bucht ist still. Das Wasser schweigt. Nur die Listen reden — und sie reden nicht miteinander.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Fünf Menschen wurden gerettet, erzählen die indonesischen Behörden, südlich von Sulawesi, nach Tagen auf offener See, darunter ein Mädchen von sieben Jahren. Vier Leichen wurden geborgen. Mindestens zwanzig werden noch vermisst. Achtundsiebzig Menschen, so sagt es das Manifest, waren an Bord der KM Nurul Salsa, als der Motor ausfiel und das Wasser kam. So die offizielle Lesart.

Eine technische Panne. Eine höhere Gewalt, die mit menschlicher Nachlässigkeit nichts zu tun haben soll — so liest man es zwischen den Zeilen jener knappen Erklärungen, die zwischen Pressekonferenzen durchgereicht werden wie schlecht gedruckte Flugblätter. Wer den Motor zuletzt prüfte, wer die Route genehmigte, wer die Überlebensausrüstung an Bord kontrollierte, wer die Schwimmwesten zählte und wer nicht — darüber: nichts. Berauschende Klarheit, wo Klarheit Pflicht wäre.

Aber sehen wir genauer hin. Denn das Wasser trügt nicht, die Akten tun es.

Vor Madura, jener Insel, die Indonesiens Gewässer bewacht wie ein müder Wachhund, fing eine Fähre Feuer. Zweihundertfünfzig Menschen, sagen die einen. Fünf sind tot. Einundvierzig werden vermisst. Das sind die Zahlen, die wir haben. Und dann, in einer anderen Stunde, aus einem anderen Büro, einer anderen Quelle: keine Opfer. Niemand verletzt. Drei Tote. Niemand schweigt — alle reden. Aber jeder spricht von einem anderen Unglück. Die Diskrepanz steht im Raum wie ein Mann mit verbotenem Mantel, und niemand fordert ihn auf, ihn auszuziehen.

Dass eine Fähre mit zweihundertfünfzig Passagieren Feuer fängt, ist ein Unglück. Dass über die Folgen dieses Feuers in offiziellen Mitteilungen jede Konsistenz fehlt, ist ein Skandal — einer von jener Sorte, die keine Schlagzeile lang hält, weil das nächste Unglück bereits wartet.

In jenen Tagen, berichten die Suchtrupps, kenterte ein weiteres Schiff zwischen Lombok und Komodo. Acht ausländische Touristen gerettet, alle fünf Besatzungsmitglieder ebenfalls, zehn weitere tags zuvor. Zwei Touristen, heißt es, werden noch vermisst. Auf einer anderen Route, zwischen anderen Inseln, sind vierundzwanzig Menschen verschwunden — einer bereits tot. Die Namen zirkulieren in Agenturmeldungen, werden halb korrigiert, halb zurückgezogen, halb vergessen. Kein Register, das standhält.

Die Muster, werte Leser, sind immer dieselben. Eine Katastrophe tritt ein. Meldungen gehen hinaus — halb, spät, widersprüchlich. Die Rettung läuft, oder sie läuft nicht, weil Boote fehlen, weil Hubschrauber anderswo stehen, weil ein Haushaltstitel gerade umgewidmet wurde. Dann, Tage später, werden Zahlen veröffentlicht, die nicht zueinander passen — als teste man die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wie ein Kind, das man mit einem abgelaufenen Brot vom Tisch abspeist.

Vier Leichen. Zwanzig Vermisste. Fünf Tote. Einundvierzig Vermisste. Vierundzwanzig Vermisste, einer tot. Alles Bruchstücke einer Buchführung, die niemand führen will.

Es ist nicht das Unglück allein, das empört. Es ist die Architektur des Verschweigens, die es umgibt.

Denn wer verwaltet diese Zahlen? Wer entscheidet, wann ein Vermisster als vermisst gilt und wann als vergessen? Wer entscheidet, dass ein Mädchen von sieben Jahren in die Schlagzeilen kommt, eine fünfundzwanzigjährige Frau dagegen nicht — weil sie keine Touristin war, weil kein Konsulat ein Visum für sie löste, das jemanden interessiert? Es ist die stille Arithmetik der Gleichgültigkeit, die hier rechnet, nicht die Behörde.

Es gibt keinen Vertrag, der diese Pflicht festschreibt. Es gibt nur das Versprechen einer Regierung, die für ihre Bürger sprechen soll. In diesen Tagen spricht sie vor allem für sich selbst — und ihre Sätze klingen wie Absichtserklärungen, die man nicht zu unterzeichnen braucht.

Wir verlangen, an dieser Stelle, ohne pathetische Geste und in aller Kälte, die geboten ist: eine vollständige, öffentliche, überprüfbare Auflistung aller Personen, die auf der KM Nurul Salsa, auf der Fähre vor Madura und auf den übrigen genannten Schiffen registriert waren. Wir verlangen Auskunft darüber, wie viele Suchkräfte ausgesandt wurden, an welchem Tag, mit welcher Ausrüstung, unter wessen Kommando. Wir verlangen eine kausale Analyse — nicht das Wort Motorversagen als Schlusspunkt, sondern die Kette davor: Welche Inspektion hat stattgefunden, welche nicht, wer hat sie unterzeichnet, wer hat sie verlegt, wer hat sie nie angefordert?

Vier Namen bisher. Fünf Namen. Einundvierzig Schatten. Eine Regierung, die addiert, wie es ihr passt.

Die Welt spielt Schach, schrieb ein Diplomat einst in Genf, in einer Zeit, die unserer zum Verwechseln ähnlich war. Er meinte es als Warnung. Ihm fehlte nur das Wissen, auf welchem Brett er stand.

❖ Ende des Artikels ❖

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