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10. August 2026

Dossier · Finanzen & Wirtschaft

Die stille Hypothek: Finnlands Studienkredite als Staatsgeschäft

10. August 2026 — — E. Wolff

Emilia Heinonen sagt es selbst. Vierundzwanzig Jahre, Ingenieurin, Absolventin der Turku University of Applied Sciences im Jahr 2024. „Ich würde es um keinen Preis noch einmal tun. Die Last ist schlicht zu groß, der Preis viel zu hoch." Das ist keine Laune einer Enttäuschten. Das ist die Quittung einer Frau, die das Programm durchlaufen hat, das der finnische Staat sich selbst und seinen Bürgern als Aufstieg verkauft. Fünfzehntausend Euro Schulden für vier Jahre Lehre. Willkommen in der Bilanz.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Heinonen ist nicht allein. Sie ist das erste Symptom einer Diagnose, die niemand bestellt hat. Die Sozialversicherungsbehörde Kela – der Name klingt nach Wohlfahrt, arbeitet wie eine Bank – hat im vergangenen Jahr so vielen Studienkreditnehmern Zinszuschüsse gezahlt wie nie zuvor. Acht Komma sechs Millionen Euro. Eine Zahl, die nach Sozialpolitik aussieht und nach stiller Bankenrettung riecht.

Mari Jaakkola, Juristin bei Kelas Rückforderungszentrum, formuliert es mit der Präzision einer Frau, die weiß, dass jeder Satz später zitiert wird: „Zinszuschüsse werden häufiger als früher in Anspruch genommen, weil die Kreditkosten über viele Jahre außergewöhnlich niedrig waren. Solange die jährlichen Zinsen nur wenige Dutzend Euro betrugen, konnten auch einkommensschwache Schuldner sie meist ohne Antrag begleichen." Mit anderen Worten: Die Gnade der Zinsnähe ist vorbei. Was bleibt, ist die Schuld. Und die Schuld bleibt nie.

Die Mechanik ist bestechend in ihrer Brutalität. Finnische Studienkredite sind staatlich garantiert. Das heißt nicht, dass der Staat zahlt, solange alles gut geht. Das heißt, dass der Staat zahlt, wenn nichts mehr geht. Im vergangenen Jahr hat Kela unter dieser Garantie mehr als 108 Millionen Euro an Banken zurückgezahlt – für fast 9.000 Studienkreditnehmer, die selbst nicht mehr konnten. Neuntausend Menschen, die das System als gebildet entlassen hat und als zahlungsunfähig wiedergesehen hat. Die Schwelle, ab der Kela die Zinsen übernimmt, ist klar benannt: Wer ohne Kinder ist, gilt bereits bei einem Monatseinkommen von 1.662 Euro als bedürftig – ein Einkommen, das in Helsinki kaum eine Wohnung, in Turku kaum eine Existenz sichert.

Parallel zur Garantie wächst das Volumen der Kredite selbst. Die staatliche Studienbeihilfe wurde über Jahre zurückgefahren. Studierende mussten immer häufiger borgen, um das Lebensnotwendige zu stemmen: Miete, Essen, das Heizen einer finnischen Wohnung im Winter, der bekanntlich kein Vorschlag ist. Der durchschnittliche Studienkreditsaldo hat sich binnen eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt. 2024 wurde der maximale monatliche Kreditrahmen von 650 auf 850 Euro angehoben. Bis letztes Jahr war die durchschnittliche Restschuld auf über 12.000 Euro geklettert.

Die Banken wissen das. Nordea und S-Bank melden weiter wachsende Volumina – und sie melden es mit der Ruhe von Häusern, die wissen, dass wachsende Volumina in diesem Geschäft keine Sorge sind, sondern ein Indikator. Mari Govenius, Bereichsleiterin Kreditwesen bei S-Bank, formuliert es ohne zu zögern: „Ein Studienkredit von 40.000 Euro ist für einen Universitätsstudierenden nicht mehr ungewöhnlich." Vierzigtausend. Anderswo ein Kleinwagen, hier das Preisschild eines Diploms.

Und hier beginnt die Frage, die niemand stellt, weil niemand sie beantworten will. Wer verdient an diesem Mechanismus? Die Banken, die bei garantierter Forderung kein Ausfallrisiko tragen, sondern nur den Spread kassieren. Der Staat, der die Garantie stellt, ohne sie jemals als Ausgabe zu buchen, solange die Zinsen niedrig sind und die Studierenden brav bedienen. Die Universitäten, deren Programme florieren, während ihre Absolventen mit Schulden nach Hause gehen, die einmal Hypotheken waren. Die Bürgschaft ist das eigentliche Geschäft: Sie verwandelt ein privates Risiko in eine staatliche Verbindlichkeit, ohne dass dieser Tausch offen benannt wird. Die Banken kassieren die Zinsen in den guten Zeiten. Der Staat übernimmt in den schlechten. Die Studierenden zahlen in beiden.

Was offen bleibt: Ob die Universitäten selbst von der Ausweitung der Kredite profitieren, ob wachsendes Studienkreditvolumen direkt in ihre Etats fließt, ob die Gehälter der Verwaltung mit der Aufnahmekapazität wachsen, ob die Curricula dem Arbeitsmarkt folgen oder der Aufnahmequote – das lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht beantworten. Die Bücher, die das belegen könnten, sind nicht öffentlich.

Emilia Heinonen hat fünfzehntausend Euro bezahlt für die Erlaubnis, eine Ingenieurin zu sein. Sie würde es um keinen Preis noch einmal tun. Das ist das Mindeste, was man über ein System sagen kann, das sich Bildung nennt, während es Bilanzen schreibt.

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