Hohle Straßen, volle Pflaster
Manchmal genügt ein einziges Wort, um die Architektur einer Diagnose zu erkennen. Andy Burnham hat es am Montag ausgesprochen, mit der ruhigen Gravitation eines Mannes, der weiß, dass die Mikrofone eingeschaltet sind: „hollowed out", ausgehöhlt, sagte er über die britischen High Streets, und er sprach von Jahrzehnten des Niedergangs, und davon, wie die Straßen, in denen Menschen aufwuchsen, „unrecognisable" geworden seien. Drei Wörter, die wie ein Geständnis klingen. Drei Wörter, hinter denen die Totengräber einer ganzen Ökonomie stehen — und ein Premierminister, der den Sarg nun mit einer Schicht Mörtel übertünchen will.
Denn was folgt auf die Diagnose? Eine Verordnung über Vape-Läden und Wettbüros. Councils, so verkündet Downing Street, sollen künftig neue Wettbüros und Spielhallen ablehnen dürfen; Vape-Shops sollen einer Planungspflicht unterliegen. Sechs Wochen Schnellkonsultation, Inkrafttreten Anfang 2027. So steht es im Protokoll. So lesen es BBC, der Guardian, die Daily Mail, der Independent — alle einig im Ton, alle einig im Bild: Zwei Vape-Läden, Tür an Tür, in Fargate, Sheffield.
Die Sache hat nur einen Schönheitsfehler. Sie hat mehrere.
Burnham diagnostiziert einen Verfall, der „Jahrzehnte" brauchte, um sichtbar zu werden. Sein Rezept zielt auf die jüngsten Symptome. Das ist, als verschriebe man einem Patienten mit fortgeschrittener Schwindsucht Hustensaft und rühmte sich der Genesung. Der Online-Handel macht mittlerweile fast ein Drittel aller Einzelhandelsumsätze im Vereinigten Königreich aus, wie Professor Will Jennings von der University of Southampton anmerkt — derselbe Jennings, dessen Forschung Labour warnt, bei der nächsten Wahl „in einer Welle der Unzufriedenheit weggespült" zu werden, sofern die Partei den Niedergang der Innenstädte nicht angehe. Burns Erste Schritte seien wichtig, sagt Jennings. Sie würden „nicht alles lösen". Eine bemerkenswert britische Formulierung für: Es reicht nicht.
Man muss die Mechanik betrachten. Vape-Shops fallen derzeit in dieselbe planungsrechtliche Kategorie wie Cafés, Banken, Buchläden — sie dürfen ohne neues Verfahren eröffnen. Wettbüros unterliegen dem Gambling Act 2005, dessen „aim to permit"-Regel Gemeinden de facto zwingt, Anträge zu genehmigen, wenn die Lizenzvoraussetzungen erfüllt sind. Burnham hatte bereits im Januar, noch als Bürgermeister Greater Manchesters, gemeinsam mit rund dreihundert weiteren Politikern und Aktivisten an Keir Starmer appelliert, diese Regel abzuschaffen. Starmer hatte im April nachgegeben — teilweise. Councils bekamen mehr Spielraum, die Zahl bestehender Spielstätten zu berücksichtigen. Die „aim to permit"-Regel blieb bestehen. Nun, Monate später, im Premiersamt, kehrt Burnham zurück. Nicht als Bittsteller. Als Verordnungsgeber.
Die Frage ist nicht, ob die Maßnahme etwas bewirkt. Sie wird etwas bewirken — die Schaufenster werden sich verändern, die Statistiken werden sich verändern, die Pressefotos werden sich verändern. Die Frage ist, wessen Leid sie lindert. Die University of Southampton sagt es offen: Es geht darum, wie Menschen „ihre Umgebung wahrnehmen". Es geht um Wahrnehmung. Es geht um das Wahlvolk. Ob jenseits der Pflasterei tatsächlich ein Plan für die Logistikzentren, die Lagerhallen, die veränderten Konsumgewohnheiten existiert, darüber schweigen sich die Protokolle aus.
Hier öffnet sich der Spalt, durch den man den Vorhang heben muss. Wer profitiert? Die Eigentümer leerstehender Einheiten, deren Schaufenster künftig nicht mehr von Vape-Ketten gefüllt werden müssten — von wem stattdessen, bleibt die offene Frage. Wer schweigt? Die Distributionskonzerne, deren Lieferwagen die Waren längst direkt in die Wohnzimmer tragen, während die Straße leer wird. Welche Struktur trägt das Ganze? Eine Planungstradition, die seit Jahrzehnten versucht, das Verhältnis von Nutzung und Ort zu regulieren — und die heute, im Zeitalter des digitalen Versands, an die Grenze ihrer Reichweite stößt.
Was bleibt, ist ein rhetorischer Taschenspielertrick von bemerkenswerter Eleganz. Man nehme eine Strukturkrise. Man benenne sie als moralisches Versagen einzelner Branchen — Vape, Glücksspiel, „rogue operators", wie der Independent schreibt. Man verordne ein Verbot. Man inszeniere den Premierminister als jemanden, der handelt. Die Wissenschaft applaudiert höflich, weil wenigstens etwas passiert. Die Presse druckt das Foto aus Sheffield. Die Wähler sehen einen Pflaster auf einer Wunde, die so tief ist, dass das Pflaster die Wunde nicht einmal mehr berührt.
Burnham hat Anfang 2027 als Zieldatum genannt. Bis dahin werden weitere Anträge gestellt, weitere Vape-Shops eröffnen, weitere Wettbüros ihre Leuchtreklamen einschalten. Bis dahin werden die Logistikflächen weiter wachsen. Bis dahin werden die Innenstädte weiter das sein, was sie waren — nur mit etwas weniger Nikotin und etwas weniger Buchmachern.
Man darf die Handschuhe abstreifen, wenn man das schreibt. Man darf es nicht.
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