300 Schnecken, ein Hilferuf aus Stein — und keiner fragt, wer bezahlt
Man muss sich die Größenverhältnisse vor Augen führen. Acht Millimeter misst das Lebewesen, dem die Männer des Chester Zoos in der Dunkelheit nachkletterten, über Felswände, ohne Landungsbrücke, mit Helmen, die im Wasser kein Trost sind. Dreihundert von ihnen, gezüchtet in Cheshire, zurückgebracht auf die Klippen von Bugio, einer Insel, die zur Madeiragruppe gehört und im Atlantik liegt, als hätte jemand sie dort vergessen. Acht Millimeter. Dreißig in einer Reihe wären einen Viertelmeter lang. Dreißig in einer Reihe, und sie wiegen weniger als ein Eurostück.
Und es funktioniert. Die Bilder funktionieren. Sie funktionieren so gut, dass niemand mehr fragt, warum nur einundzwanzig dieser Tiere übrig waren, als man sie fand — einundzwanzig, an einen Felsen geklammert, „die Letzten ihrer Art", wie es heißt. Man fragt nicht, was in den Jahrzehnten davor geschah. Man fragt nicht, welche invasive Spezies, welche Bauträger, welche subventionierte Landwirtschaft die Population dorthin reduzierte. Man fragt nicht, warum die Regierung Madeiras — jene autonome Region Portugals, die seit Jahrzehnten vom Tourismus lebt und vom Festland Zuwendungen empfängt — ausgerechnet einen britischen Zoo um Hilfe bitten musste.
Die Antwort liegt, wie immer, in den Anlagen, die niemand besichtigt. Chester Zoo ist eine Wohltätigkeitsorganisation; das bedeutet, die Bilanz, die er vorlegt, ist die einer karitativen Einrichtung. Doch wer sind die Stifter? Welche Stiftung sitzt im Vorstand? Welche Fördertöpfe — nationale, europäische, privat — sind in das Programm „Madeiran Lands Snail" geflossen? Tamas Papp, stellvertretender Teamleiter für Wirbellose, spricht von „einer Chance" und davon, dass man sie nicht verpassen dürfe. Das ist die Sprache des Feldwebels, nicht des Buchhalters. Wer zählt die Kosten einer Zuchtlinie, die, einmal etabliert, als Vorlage für andere Programme dient? Wer besitzt die genetische Linie dieser Schnecken? Wem gehört das Wissen, das man aus ihrer Rettung zog, und wem das Recht, es zu vermarkten?
Wir notieren — und notieren ist alles, was uns bleibt —, dass eine Regierung, die erkennbar nicht in der Lage war, eine eigene Schutzstrategie zu finanzieren, diese an eine ausländische Stiftung delegierte. Wir notieren, dass die Bilder des nächtlichen Aufstiegs in jedes britische Frühstücksfernsehen getragen wurden, mit der diskreten Begleitmusik einer Region, die ihre ökologischen Versäumnisse an Zoos auslagert. Wir notieren, dass Madeira Wein exportiert und Tourismus vermarktet und dass acht Millimeter Humuserzeuger offenbar nicht in die Bilanz passen, solange sie nicht als Symbol taugen.
Denn das ist die Mechanik, die wir kennen, seit wir die ersten Verträge lasen: Das Symbol ersetzt die Struktur. Die heroische Einzelaktion tritt an die Stelle der kollektiven Vorsorge. Der Fotograf auf der Klippe, das Helmlicht im Wasser, der Sprung ins Meer — all das erzählt eine Geschichte, die mit jener der Biene, des Regenwurms, des Bodenmikrobioms verwandt ist und doch nichts mit ihr zu tun hat. Diese dreihundert Schnecken sind kein Ökosystem. Sie sind ein Plakat.
Was offen bleibt — und offen bleiben muss, weil uns die Bücher fehlen —, ist die Frage nach dem Programm: Welcher Anteil der Finanzierung lief über die Regierung Madeiras, welcher über den Chester Zoo selbst, welcher über zwischengeschaltete europäische Biodiversitätsfonds? Unter welchen Bedingungen wurde die Zuchtlinie geführt? Wem wird Patenschaft, wem Patent, wem Publikationsrecht zugesprochen, wenn aus dem Programm ein Lehrbeispiel wird? Manuskripte reifen, wie man in Genf weiß, schneller als Verträge. Und wer, so muss man fragen, wird die dreihundert Tiere nach ihrer Aussetzung weiter überwachen — mit welchem Personal, welcher Logistik, welcher Verstetigung über die nächste Legislaturperiode hinaus?
Acht Millimeter. Wir messen sie ab und stellen fest: Es ist die Größe einer politischen Wegstrecke, die niemand geht. Die Regierung Madeiras hat sich, so der erkennbare Mechanismus, ihrer Verantwortung entledigt, indem sie eine Wohltätigkeitsorganisation rief. Die Wohltätigkeitsorganisation hat sich, so der erkennbare Mechanismus, ihrer Verantwortung entledigt, indem sie eine abenteuerliche Rettung inszenierte. Was bleibt, ist ein Felsspalt mit dreihundert Schnecken, und das Wissen, dass weder der Felsspalt noch die Schnecken die Politik sind, die sie bräuchten.
Wir tragen Handschuhe. Auch beim Schreiben. Sie schützen vor dem, was wir nicht mehr anfassen.
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