Der Kanzler und das fehlende Thermometer
Es gibt Männer, die lächeln, während sie die Uhr falsch ablesen. Sie zeigen auf die Mittagssonne und nennen sie Mitternacht. Sie sagen »Ich habe die Empörung unterschätzt«, als hätten sie nur das Zifferblatt verwechselt und nicht die Zeit selbst. Friedrich Merz ist ein solcher Mann.
Er sitzt im Kanzleramt, trägt seine Anzüge wie Rüstungen und hat in einem ZDF-Sommerinterview mitgeteilt, die Empörung über Jens Spahns Vaterschaft mithilfe einer Leihmutter in den USA zunächst unterschätzt zu haben. Unterschätzt — das ist das Wort, das er gewählt hat. Es verpackt das Versagen als Wahrnehmungsproblem. Nicht Blindheit, nicht Ignoranz, nicht Kalkül. Er habe geschaut, aber schlecht. Das Thermometer gehalten, aber die Temperatur nicht abgelesen.
So die offizielle Lesart. Sie wird von niemandem bestritten, der Karriere machen will.
Wer hinter den Vorhang schaut — und ich habe in Genf gelernt, wie das geht, ohne dass die Männer es bemerken —, der sieht ein anderes Bild. Es ist nicht das Bild eines Mannes, der ein Gespür verfehlt. Es ist das Bild eines Mannes, der ein Gespür nicht besitzt. Der Unterschied ist klein, aber er ist alles. Wer etwas verfehlt, weiß zumindest, dass es existiert. Wer etwas nicht besitzt, ahnt nicht einmal, wonach er suchen müsste.
Henrike Roßbach, Leiterin der SZ-Parlamentsredaktion, hat es im Nachrichtenpodcast »Auf den Punkt« ausgesprochen: Merz fehle oft ein Gespür dafür, was seine Partei umtreibt. Das ist die höfliche Form einer Diagnose. Wer höflich bleibt, wenn er einen Sektionsbefund eröffnet, hat Manieren. Aber höflich bleibt höflich, und der Befund bleibt der Befund.
Der Befund zieht Spuren. Zurück bis zum Deutschlandtag der Jungen Union im November 2025, wo der Kanzler auftrat, der von seiner eigenen Jugendorganisation so wenig verstand wie ein Großvater von seiner Enkelin, die ihm die Welt erklärt. Weiter zu jenem Sonntagabend-Interview, das die Lage verschlimmerte statt beruhigte — was selten geschieht und meist dann, wenn der Sprecher glaubt, er rede, und die Zuhörer etwas anderes hören. Bis zum März 2025, als Merz, noch vor seiner Vereidigung, mit dem alten Bundestag ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen durchdrückte, Verfassungsänderung inklusive, mit den Stimmen des scheidenden Parlaments. Ein Coup, der genau jene Konservative verschreckte, die er später als Basis zu halten vorgab.
Dann, im Juli 2026, die Szene, die alles zusammenfasst: Jens Spahn tritt als Fraktionsvorsitzender zurück. Nicht freiwillig. Spahn tritt zurück, weil die Partei ihn nicht mehr trägt und weil der Kanzler, der angeblich die Empörung unterschätzte, sie am Ende so weit verstärkte, dass sie Spahn das Amt kostete. Thorsten Jungholt, Politik-Korrespondent der Welt, sagt dazu einen Satz, der wie ein Skalpell schneidet: »Ich glaube, dass Merz schon was vorhat, sonst würde er das nicht so offen formulieren.« Was vorhat. Also Plan. Also Kalkül. Also jene Sorte von Bewegung, die aussieht wie Ungeschick und in Wahrheit Architektur ist.
Man halte diesen Satz fest. Man lege ihn neben die Beteuerung, Merz habe »unterschätzt«. Was dort als Zufall erscheint, ist hier als Strategie lesbar. Was hier als Wahrnehmungsfehler deklariert wird, ist dort als operative Logik gemeint.
Die Frage ist nicht, ob Merz die Stimmung verfehlt. Die Frage ist, wessen Stimmung er verfehlt — und wessen er trifft. Es gibt eine Stimmung in der CDU/CSU, die sich kleidet in Sorge um die Linie, um die Würde des Amtes, um das, was die Basis als Selbstverständnis mitbringt. Diese Stimmung hat Merz nicht getroffen. Er hat sie, wie Roßbach notiert, oft nicht einmal geahnt. Aber es gibt eine andere Stimmung, eine in den Machtzentralen, in den Fluren der Fraktion, in den Kalkülen jener, die nach Spahn greifen — Dobrindt, Frei, die Namen, die in Berlin gehandelt werden, ohne dass die Basis erfährt, nach welchen Regeln. Diese Stimmung hat Merz sehr wohl getroffen. Sie ist sein Medium.
So entsteht das Muster. Die Partei empört sich über Spahn; Merz versteht die Empörung nicht und nutzt sie. Die Junge Union fordert eine klare Linie; Merz erkennt die Forderung nicht und formuliert sie undeutlich. Die Konservativen fürchten den Ausverkauf der Disziplin; Merz erkennt die Furcht nicht und vollzieht den Ausverkauf.
Man nenne das kein Gespür. Man nenne es Ersatz. Gespür ist die Fähigkeit, das Ungesagte zu hören. Merz hört das Ungesagte nicht. Aber er hört das, was gesagt wird, sobald es ihm nützt — und das, was verschwiegen wird, sobald es ihm schadet.
Die offene Frage bleibt: Wer in der Partei verschweigt ihm was? Wer schützt die Diagnose, die niemand stellt? Welche Struktur wird getragen von einem Kanzler, der das Thermometer hält und die Temperatur nicht abliest — und warum lässt man ihn weiter gewähren?
Die Handschuhe sind noch an. Man wird sie bald ablegen müssen.
❖ Ende des Artikels ❖
