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12. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Magdeburg und die vierzig Prozent, die niemand will

12. August 2026 — — Kastner

Die Zahlen sind geduldig. Sie stehen in einer Tabelle, schwarz auf weiß, und warten darauf, gedeutet zu werden. In Sachsen-Anhalt warten sie nun schon lange. Infratest dimap hat das Wort erneut gesprochen: Die AfD, erstmals über der Vierzig-Prozent-Marke, kommt auf 41 Prozent. Die CDU, einst Hausmacht im Osten, fällt auf 24 Prozent zurück, zwei Punkte weniger als im Mai. Die Linke hält sich bei 13 Prozent. SPD und Grüne schweben bei sieben beziehungsweise fünf Prozent – knapp über der Klausel, die sie überhaupt noch zulässt.

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Man kann diese Zahlen addieren, wie man die Stühle eines Tisches zählt, an dem niemand Platz nehmen will. Die Mathematik ist eindeutig: Eine Mehrheit gegen die AfD ist möglich – 24 plus 13 plus 7 plus 5 ergibt 49 Prozent, mehr als genug für Magdeburg. Aber diese Rechnung hat einen Schönheitsfehler, den man in Sonntagsreden verschweigt und der sich in Hinterzimmern nicht auflösen lässt. Keine der denkbaren Konstellationen ist stabil, keine ist bequem, keine wird Bestand haben.

Wer in Genf gelernt hat, dass Zahlen nie lügen, aber stets verschweigen, wer wem sie nutzen, der schaut hinter die Prozentpunkte. Was hier zerfällt, ist nicht eine Regierung, es ist die Vorstellung davon, was Union noch sein könnte. Die CDU Sachsen-Anhalts hat sich, sechs Wochen vor der Wahl, für einen Auftritt entschieden, der in Berlin wie ein Schlag ins Gesicht wirkte: Ministerpräsident Sven Schulze trat mit dem Kabarettisten Didi Hallervorden auf, dessen Lieder Friedrich Merz und Boris Pistorius als „Kriegsminister" verhöhnten, während auf der Leinwand Panzer von Rheinmetall, fallende Bomben und die These eines „Völkermordes in Gaza" flackerten. Es war kein Missgeschick. Es war Kalkül – oder die Verzweiflung, die so aussieht.

Die Reaktion kam prompt und aufschlussreich. Die CDU-Staatsministerin Serap Güler sprach von einem „extrem verstörenden" Ausschnitt. Ihr Essener Parteifreund Benjamin Daniel Thomas sekundierte, ebenfalls als „Wessi" um Verständnis werbend, aber in der Sache unerbittlich. Aus Nürnberg forderte der CSU-Lokalpolitiker Kilian Löser den Rauswurf Schulzes. Und aus den Reihen der ohnehin nervösen kleinen Schwester: Linda Teuteberg, stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende, fragte mit der schneidenden Klarheit einer Frau, die weiß, wovon sie spricht, ob noch irgendjemand den kategorialen Unterschied zwischen Strategie und Taktik kenne. Volker Beck, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, nannte das Ganze „AfD light".

Man muss diese Stimmen nicht alle über einen Kamm scheren. Aber in ihrer Summe bilden sie ein Stimmungsbild, das aufschlussreicher ist als jede Sonntagsfrage: Die Union zerlegt sich gerade selbst, mitten im Wahlkampf, weil sie nicht weiß, wer sie sein soll – Verteidigerin der Brandmauer oder Akquisiteurin derer, die man nicht verteidigen kann.

Und hier beginnt das, was die Umfrage nicht zeigt, aber erklärt: Der Auftritt in Sachsen-Anhalt war kein ostdeutsches Spezifikum. Er war die logische Folge einer Strategie, die im Westen nicht mehr zieht und im Osten nicht mehr genügt. Wer die Sachsen-Anhalter CDU versteht, versteht das Dilemma der Gesamtpartei. Sie kann die AfD nicht schlagen, wenn sie deren Themen übernimmt. Sie kann die AfD nicht schlagen, wenn sie es nicht tut. Sie kann vor allem den Menschen nicht erklären, warum sie noch wählen sollen, wenn jede Stimme ohnehin nur das kleinere Übel belohnt.

Das ist die Arithmetik der Machtlosigkeit, die sich hier abzeichnet: Eine Partei, die 24 Prozent hält und ihren Spitzenmann nicht verteidigt. Eine Linke, die 13 Prozent hält und nicht weiß, wohin mit ihnen. Eine SPD bei sieben Prozent, die nur noch existiert, weil sie die Fünf-Prozent-Hürde nicht ganz reißt. Grüne bei fünf – ein Punkt über der Schwelle, auf der Gnade.

Man erinnere sich: Wahlen ändern nichts, haben wir schon mehrfach gesehen. Und falls doch, wird das Wahlrecht angepasst, bis das Ergebnis stimmt. Das ist die Stimme aus den Quellen, die man nicht gerne zitiert, weil sie zu wahr klingt. Aber in Sachsen-Anhalt zeigt sich, was passiert, wenn ein Wahlrecht zwar nicht geändert, aber die Konsequenz offenbar wird: ein Parlament, das niemand führen kann.

Der Kanzler heißt Friedrich Merz, und in Berlin flüstert man, Ende September sei vielleicht auch Ende Merz. Das ist ein Kalauer, gewiss. Aber Kalauer halten sich am längsten, wenn ein Funke Wahrheit in ihnen steckt. Merz, der die Brandmauer gegen die AfD zur Bedingung seiner Kanzlerschaft machte, muss nun mitansehen, wie seine eigene Partei im Osten diese Mauer einreißt, um zu überleben. Er hat damit keine Mehrheit gewonnen – nur eine weitere Front.

Vierzig Prozent, die niemand will. Vierundzwanzig, die niemand führen kann. Dreizehn, die niemand braucht. Sieben und fünf, die niemand ernst nimmt. Das ist Sachsen-Anhalt im Sommer 2026. Die Demokratie funktioniert, sagen wir dann. Die Arithmetik stimmt. Nur die Antwort auf die Frage, wohin mit dem Land, bleibt offen – und wird, so ahnt man, irgendwann von denen gegeben, die man nicht gefragt hat.

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