Achtausend Hände, die niemand zählt
Es gibt Nachrichten, die nicht als Knall beginnen, sondern als leises Rascheln von Papier in einem Konferenzraum, irgendwo zwischen München und dem Werksgelände, wo Motoren einmal Heimat waren. BMW streicht rund 8.000 Stellen bis Ende 2027 — über natürliche Fluktuation und ein Abfindungsprogramm auf freiwilliger Basis, so die offizielle Sprache. Der letzte der großen drei deutschen Autobauer kniet nun nieder. Volkswagen, Mercedes, nun also auch die Münchner. Die Industrie, die einst das Rückgrat der Republik hieß, beugt sich gleichzeitig — und niemand fragt, wer die Hand führt, die auf den Nacken drückt.
Achttausend. Die Zahl steht in den Berichten von Tagesschau, BR24, der Deutschen Welle, im Spiegel. Sie alle wiederholen sie, als wäre sie eine Naturkonstante. Achttausend Beschäftigte, die in den kommenden zwei Jahren aus den Büros, den Verwaltungen, den Forschungsabteilungen und der Produktion verschwinden werden. Freiwillig, versteht sich. Wie man in einer Branche, die sich neu erfinden muss, überhaupt noch von Freiwilligkeit sprechen kann, wenn die Alternative das langsame Hinausgedrängt-Werden ist — das bleibt eine der Fragen, die zwischen den Zeilen stehen.
Was hier betrieben wird, ist kein Stellenabbau im klassischen Sinn. Es ist eine architektonische Operation. Die deutsche Automobilindustrie steckt in einer Krise, die älter ist als die Elektromobilität, älter als die Chipkrise, älter als die Pandemie. Sie ist eine Krise der Gewissheit — der Gewissheit, dass ein in Bayern gefertigter Wagen mit der Welt verhandeln darf, ohne dass die Welt ihm die Bedingungen diktiert. Diese Gewissheit schwindet nicht zufällig. Sie schwindet, weil die Spielregeln neu geschrieben werden, und wer dabei am Tisch sitzt, bestimmt das Tempo.
Die offiziellen Begründungen sind bekannt: der Strukturwandel, die Transformation, die Notwendigkeit, näher am Kunden zu sein. Tatsächlich bedeutet der Abbau von 8.000 Stellen, dass BMW seine Verwaltung, seine Forschung und Teile der Produktion nicht etwa erweitert, sondern konzentriert. Es bedeutet, dass jene Bereiche schrumpfen, die nicht direkt am Fließband stehen — jene Bereiche, in denen das Wissen über morgen entsteht. Wer die Forschung abdünnt, der entscheidet sich, weniger übermorgen zu besitzen.
Die Regierung in Berlin schaut zu. Sie schaut seit Jahren zu. Während die Bundesrepublik bei jeder Gelegenheit betont, dass der Standort Deutschland verteidigt werden müsse, hat sie zugleich zugelassen, dass die Energiewende, die Bürokratie und die geopolitische Neuordnung den Boden unter den Füßen der Industrie Stück für Stück aufweichen. Man hat die Verträge mit der Autoindustrie nicht gebrochen — man hat ihre Rahmenbedingungen so lange verschoben, bis sie selbst zerbrach. In Genf habe ich Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden, und Männer, die lächelten, während sie logen. Der Mechanismus ist immer derselbe: Man sagt nie nein. Man sagt immer weiter, immer später, immer mehr.
Was bleibt, ist die Frage, die niemand ausspricht. Wer profitiert? Die Aktionäre, die in den vergangenen Jahren Dividenden in Milliardenhöhe erhalten haben, während die Belegschaft auf Abfindungsangebote verwiesen wird? Die Zulieferer, die längst in den Niedriglohnregionen Osteuropas und Asiens produzieren, während die deutschen Werke als letzte Bastionen gegen die Logik der Margen gehalten werden? Oder diejenigen, die in jedem Stellenabbau die Chance sehen, ein ganzes Wirtschaftsmodell umzuschreiben, ohne es offen zu kündigen?
Unklar bleibt, welche Verteilungsschlüssel innerhalb des Unternehmens gelten. Unklar bleibt, ob die Standorte in Leipzig, Regensburg oder Dingolfing gleichermaßen betroffen sein werden, oder ob die Axt vor allem dort angesetzt wird, wo der Betriebsrat am wenigsten Widerstand leistet. Unklar bleibt auch, ob die Bundesregierung über die genauen Pläne informiert war und geschwiegen hat, oder ob sie selbst nur die Pressemitteilung am Morgen las.
Achttausend Hände, die morgen keine Lenkräder mehr montieren, keine Software testen, keine Verträge prüfen. Achttausend Leben, die in den Bilanzen als Effizienzgewinne verbucht werden. Die Republik spricht von der Transformation wie von einer Naturgewalt, der man sich zu fügen habe. Aber eine Transformation, die keine Verteilung kennt, die keine Verantwortlichen benennt, die keine Alternative anbietet, ist keine Transformation. Sie ist eine Liquidation mit freundlichem Lächeln.
Ich trage Handschuhe. Auch beim Schreiben. Denn wer die Fingerabdrücke auf den Dokumenten kennt, weiß, wie nah sich Verantwortung und Bequemlichkeit in diesem Land manchmal kommen.
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