Der fünfzehnte August — Ruf, Echo, Verdacht
In den Stunden, in denen die Bildschirme warmlaufen und die Daumen nicht innehalten, wird etwas erzeugt, das man ohne Übertreibung als das älteste Instrument der Politik bezeichnen darf: der Ruf, der noch keine Tat ist. Auf den Plattformen wandert seit Tagen ein Datum. Der fünfzehnte August. Ceuta. Eine Stadt an der Meerenge, die wie kaum ein anderer Ort dieses Kontinents zur Bühne dessen wurde, was man Migrationskrise nennt, weil das Wort weniger Angst macht als die Sache.
Was wissen wir? In sozialen Netzwerken wird zu einer neuen Massenbewegung aufgerufen, so der Stand der Dinge. Spaniens Polizei wappnet sich, wie die Presse meldet. Die EU-Innenminister berieten in einer Online-Konferenz über bessere Überwachung solcher Aufrufe. Was wir nicht wissen: ob am fünfzehnten August auch nur ein einziger Mensch an der Grenze stehen wird, der nicht schon heute dort steht.
Eine Einzelquelle, ein Datum, und die Maschine springt an. Das ist, blickt man genau hin, die Architektur des modernen Gerüchts. Es trägt sich nicht durch Fakten, sondern durch Erwartung. Und genau hier beginnt die Frage, die unsereinem die Handschuhe nicht abstreifen lässt.
Wer profitiert, wenn das Datum wandert? Wer profitiert, wenn nichts geschieht, aber alle so reden, als wäre es längst geschehen? Die Antwort liegt nicht in Ceuta. Sie liegt in den Hauptstädten, in den Redaktionsstuben, in den Büros derjenigen, die seit Jahren darauf warten, dass die Migrationsfrage sich in eine Sicherheitsfrage verwandelt — weil sich Sicherheitsfragen besser budgetieren lassen.
Man kennt diese Mechanik, wenn man einmal zu viele Verhandlungen in Genf gesehen hat. Ein Impuls wird gesetzt, vervielfältigt sich, gewinnt durch Wiederholung an Gewicht, und ehe man sich versieht, ist nicht mehr das Ereignis der Maßstab, sondern die Erwartung des Ereignisses. Vor wenigen Wochen erst genügte das bloße Gerücht von einer geöffneten Grenze, um Tausende in Bewegung zu setzen. Die Kontrolle versagte. Die Bilder gingen um die Welt. Die Politik reagierte — und reagierte so, wie Politik reagiert, wenn sie eine Vorlage erhält, die sie selbst geschrieben hat.
Heute nun der nächste Ruf. Wir vernetzen unser Prüfnetz — Correctiv, die Kollegen der großen Häuser, die spanischen Archive, die marokkanischen Korrespondentenwege — und wir werden nicht aufhören zu prüfen, bis das Datum entweder eintritt oder verstreicht. Eine Behauptung, die in den sozialen Netzwerken zirkuliert, ist noch keine Nachricht; sie ist ein Verdacht, mehr nicht. Die Dringlichkeit, mit der die Netzwerke rufen, ist kein Ersatz für Verifikation. Sie ist im Gegenteil ein Grund, sie zu verdoppeln.
Es ist, nebenbei bemerkt, immer dieselbe Dringlichkeit. Immer dieselbe Stimme. Immer dieselbe Versicherung, man wisse, was kommen werde. Männer haben in Genf Verträge unterschrieben und tags darauf gesagt, sie hätten sie nicht unterschrieben. Männer haben in Pressekonferenzen gelächelt und gleichzeitig Angriffe geplant. Wir lernen nicht aus, weil wir nicht auslernen wollen: Die Lüge funktioniert am besten dort, wo die Bereitschaft, sie zu glauben, bereits vorhanden ist.
Unklar bleibt, wer den Ruf in die Welt gesetzt hat. Unklar bleibt, ob es ein Aufruf ist oder eine Falle, ein Test, ein Echo vergangener Augusttage. Unklar bleibt, wer in den Ministerien nickt, wenn die Kameras auf Polizeiboote gerichtet werden, die womöglich nie auslaufen müssen. Unklar bleibt, wer die Aufmerksamkeit sammelt, während die Lösung auf der Strecke bleibt.
So warten wir. Mit Handschuhen. Und mit der nicht ganz unberechtigten Vermutung, dass die Frage, die sich am fünfzehnten August stellen wird, nicht lautet, ob etwas geschah — sondern wem es nützte, dass alle es erwarteten.
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