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13. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Hinter der Schengen-Drohung: Die Anatomie einer Erpressung

13. August 2026 — — Kastner

Giorgia Meloni hat gesprochen, und wie sie das tut, mit dem brüchigen Pathos einer Frau, die weiß, dass jede Geste protokolliert wird. Ceuta, die spanische Exklave an der marokkanischen Küste, sei überrannt worden von zehntausenden Migranten, und Rom habe, als sei es eine Selbstverständlichkeit, die Suspendierung des Schengen-Abkommens gegenüber Madrid gefordert. Ein Ausschluss Spaniens aus dem gemeinsamen Grenzraum. So sagt man das, als wäre es eine technische Notwendigkeit und nicht ein politischer Dolch.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

„Es ist dramatisch, wie viel Urteile zu komplett unseriösen Vorschlägen führen", sagt der Migrationsforscher Gerald Knaus in einem Interview mit FOCUS online, und er hat, wenn man genau hinhört, recht, denn das Urteil, das hier gefällt wird, ist keines über Spanien, sondern eines über die Architektur der Drohung selbst. Knaus nennt den Vorschlag das, was er ist: „total absurd". Ein Ausschluss Spaniens würde weder die Weiterreise von Migranten verhindern noch zu stärkeren Grenzkontrollen führen. „Da müsste man Italien auch aus dem Schengen-Raum ausschließen", fügt er hinzu, und genau an dieser Nebensächlichkeit öffnet sich die Tür zu dem Raum, in den ich Sie bitten möchte, mir zu folgen.

Denn Italien hat im vergangenen Jahr 67.000 irreguläre Migranten verzeichnet, Spanien weniger als 40.000. Italien, nicht Spanien, ist der größere Empfangshafen des Kontinents gewesen, und trotzdem, oder gerade deshalb, ist es Italien, das den Zeigefinger hebt. Wer hier rechnen kann, sieht sofort, dass die Gleichung nicht aufgeht — es sei denn, man liest sie als das, was sie tatsächlich ist: nicht eine Rechnung, sondern eine Waffe.

Was also wird gespielt? Wer profitiert, wenn Spanien öffentlich an den Pranger gestellt wird?

Schengen ist kein Ornament. Es ist das Rückgrat des europäischen Binnenmarktes, und wer einem Mitgliedstaat die Suspendierung des Abkommens androht, droht faktisch die wirtschaftliche Isolation an — Warenverkehr, Personenfreizügigkeit, die Logistikketten von Barcelona bis Berlin werden zur Geisel einer Auseinandersetzung, die mit Migration selbst nur noch am Rande zu tun hat. Die Frage ist also nicht, ob Spanien seine Grenzen schützt. Die Frage ist, wem es nützt, wenn diese Schutzbehauptung öffentlich zerrieben wird.

Italien findet sich nicht allein mit dieser Forderung. Auch Finnland hat sich offen positioniert, weitere EU-Staaten bringen den Ausschluss ins Gespräch, und Bundeskanzler Merz hat sich geäußert. Das Bild, das entsteht, ist das einer Koalition der Beleidigten — der Länder, die ihre eigenen Migrationsprobleme nicht lösen konnten oder wollten und nun einen Schuldigen suchen, der geographisch günstig liegt. Spanien, mit seinen Exklaven an der afrikanischen Küste, mit seiner arabisch-europäischen Geschichte, ist der perfekte Sündenbock. Man darf es schlagen, ohne sich selbst zu sehr zu verletzen.

Hinter dem Vorhang aber, dort, wohin die Kameras nicht blicken, geht es um drei Dinge gleichzeitig. Erstens um innenpolitische Mobilisierung: Melonis Koalition misst sich an Härte gegen Migration; eine Konfrontation mit Madrid ist in diesem Kontext kein Fehler, sondern ein Wahlkampfgeschenk, verpackt als außenpolitische Notwendigkeit. Zweitens um Druck auf Brüssel, wo derzeit eine Reform des gemeinsamen Asylsystems verhandelt wird. Wer droht, ein Land aus Schengen auszuschließen, erinnert die Kommission daran, dass das Vertrauen zwischen den Hauptstädten fragil ist, und Verhandlungen unter Druck führen bekanntlich zu anderen Ergebnissen als Verhandlungen unter Zustimmung. Drittens — und hier beginnt das Terrain, auf dem die offiziellen Erklärungen auffällig schweigsam werden — um den unausgesprochenen Vorwurf, dass die Migrantenwelle nicht vom Himmel fiel, sondern dass Drittstaaten ihre Hebel kennen und nutzen. Welche Hebel genau, unklar bleibt es; ob diplomatische, wirtschaftliche, sicherheitspolitische — die Hauptstädte hüllen sich in jenes vielsagende Schweigen, das in Genf immer dann einsetzt, wenn ein offenes Wort einen Verbündeten verraten würde.

Knaus sagt, man müsse es „gemeinsam und klug" machen, und er hat, diplomatisch gesprochen, recht. Aber er sagt nicht, was alle längst wissen: dass das Gemeinsame längst nicht mehr existiert, dass Schengen nur noch funktioniert, solange niemand daran rüttelt, und dass die Drohung mit dem Ausschluss in Wahrheit die Einlösung einer Fiktion ist — der Fiktion, dass Europa eine gemeinsame Migrationspolitik habe.

Unklar bleibt, wie Merz sich genau positioniert hat: ob er den Vorschlag unterstützt, ablehnt oder, was wahrscheinlicher ist, in die berühmte deutsche Mitte ausweicht, in der man nichts sagt, solange man nichts sagen muss. Unklar bleibt auch, ob Spanien die Rechnung kippen wird, ob Madrid die Suspendierung als Vorwand nimmt, eigene nationale Alleingänge zu rechtfertigen — etwa eine restriktivere Visavergabe gegenüber nordafrikanischen Staaten. Und unklar bleibt, vor allem, ob die Kommission moderieren wird oder ob sie, wie so oft, erst dann eingreift, wenn die Fenster bereits zersprungen sind.

Was bleibt, ist der Blick auf die Mechanik. Die Schengen-Drohung ist kein Vorschlag zur Lösung eines Migrationsproblems. Sie ist ein Hebel in einem Machtspiel, in dem Spanien die Rolle des Prügelknaben übernommen hat — nicht weil es am meisten versagt hätte, sondern weil es am verletzlichsten steht. Und wer in Genf je einem Vertrag beigewohnt hat, der nachts gebrochen wurde, der weiß: Es sind nie die Geschriebenen, die zählen. Es sind die Hände, die sie unterschreiben, und die Interessen, die hinter diesen Händen liegen.

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