Courtside, außerhalb der Regeln — Eine Arena, eine Eigentümerin, zwei Mädchen
Ich habe einmal in Genf in einem Sitzungssaal gehört, wie ein Botschafter in die Stille hinein sagte: «Es gibt keine unschuldigen Räume — nur Räume, in denen die Unschuld noch nicht verletzt wurde.» Daran muss ich denken, wenn ich die Vorgänge in der Nacht zum Mittwoch im Climate Pledge Arena zu Seattle sortiere. Celeste Keaton, Miteigentümerin der Seattle Storm, soll sich — so übereinstimmend die Zeugenaussagen, die der unabhängigen Journalistin Brandi Kruse, OutKick und der New York Post vorliegen — an zwei sechzehnjährige Mädchen herangetreten sein, die in der ersten Reihe saßen und ein handgemaltes Schild hielten: «Thank you, Sophie for speaking up for girls!» Der Wortlaut, der dokumentiert ist: «f—ing insane», gefolgt von Sätzen über Jesus, Sünde und Vergebung. Ein Mädchen weinte. Das andere sagte später, es sei noch nie im Leben angeschrien worden. So weit die belegten Tatsachen — und damit beginnt die Arbeit, nicht endet sie.
Denn was hier stattfand, war kein einmaliger Ausraster einer einzelnen Person in der Loge eines Stadions. Es war der sichtbar gewordene Riß einer Institution, die seit Jahren gelernt hat, sich hinter Pressemitteilungen zu verstecken, die wie Pressemitteilungen klingen. Die Storm-Organisation veröffentlichte noch am Mittwoch ein dreisätziges Ritual: «We are aware… we apologize… we remain committed.» Drei Formeln, die niemanden verpflichten. Kein Name, kein konkreter Vorwurf, keine Konsequenz. Erst als die WNBA eine Suspendierung über fünf Heimspiele und eine Geldstrafe bestätigte, fand die Liga zur Sprache. Fünf Spiele — das ist, mit Verlaub, der Preis für Eintrittskarten. Für zwei weinende Mädchen ist es kein Urteil.
Und hier beginnt die Frage, die mir als Ermittlerin am Herzen liegt, weil sie zeigt, wer von solchen Nächten profitiert und wer in ihnen verschwindet. Eine überregional geführte Debatte über die Teilnahme transsexueller Athletinnen am Frauensport erhält durch diesen Vorfall ein emotional tragendes, weil menschlich schweres Bild. Sophie Cunninghams Stellungnahme liest sich wie die eines routinierten Profis: biologische Mädchen, biologische Jungen, trans Frauen, trans Männer — alle willkommen am Tisch. Bravo an die Mädchen. «Truly embarrassing of the co-owner.» Cunningham hat, diplomatisch gesprochen, die Gunst der Stunde genutzt. Niemand kann ihr vorwerfen, daß sie ihre Position erweitert hat. Aber gerade deshalb fällt auf, was sie nicht sagte. Sie sagte nicht: Wer entschädigt die Mädchen? Sie sagte nicht: Welche Spielerinnen gaben den Daumen nach unten? Sie sagte nicht: Wer in der Arenaorganisation hat versäumt, zwischen die erste Reihe und die Eigentümerin einen Riegel zu legen? Diese drei ausgefallenen Sätze sind keine Petitessen. Sie sind die Tagesordnung, an der man eine Liga messen wird.
Denn Kruse schildert weiter, daß «einige» Storm-Spielerinnen vor den Augen der Mädchen den Daumen nach unten gestreckt haben sollen. Nicht ins Publikum, nicht in die Kamera — in die Gesichter. Welche Spielerinnen es waren, ist nach Kruses Angaben «unklar» — sie konnte sie nicht identifizieren. Hier öffnet sich eine Lücke, die größer ist als die Suspendierung der Eigentümerin. Mannschaften tragen eigene Haftung. Eine Geste des Spotts gegen ein minderjähriges Mädchen, das applaudieren wollte, fällt — sollte sie so stattgefunden haben, wie beschrieben — nicht unter «Teambuilding», nicht unter «Fun», nicht unter «competition». Sie fällt unter die Mindeststandards sportlicher Höflichkeit gegenüber jener Seite, ohne die eine Arena leer wäre: der Zuschauerin.
Was sagt uns das Spielrecht? Eine Profi-Sportstätte ist kein Wohnzimmer der Mannschaft. Sie ist ein öffentlicher Raum, vermietet an einen Veranstalter, der gegenüber dem Käufer der Eintrittskarte vertraglich zur respektvollen Behandlung verpflichtet ist. Diese Verpflichtung steht in keinem Großen Buch der Liga. Sie steht in Geschäftsbedingungen, die niemand liest, und in Hausordnungen, die niemand kennt. Sie wird am Tag ihrer Verletzung erfunden, im Konferenzraum, mit Anwälten. Genau das ist die systemische Lücke. Es gibt, soweit die vorliegenden Quellen es erkennen lassen, kein unabhängiges Gremium, das die Würde der Zuschauerinnen überwacht. Es gibt den Heimverein, der zugleich Vertragspartner und Beklagter ist. Es gibt die Liga, die zugleich Bühnenmeisterin und Richterin sein will. Es gibt die Pressemitteilung — als hätte Hannah Arendt je geschrieben, das Böse sei banal.
Die Mädchen sind keine «Aktivistinnen» im lauten Sinn dieses Wortes. Sie sind Teenager, die ein T-Shirt von XX-XY Athletics trugen und ein Plakat malten. Sie tanzten in einer Spielpause. Dafür wurden sie beschimpft, ausgebuht, gefilmt. Sie sind, in der Sprache des Vertragsrechts, Käuferinnen eines Entertainmentprodukts gewesen. Sie haben Anspruch auf das, was die Storm-Erklärung in einem erträglichen Satz selbst formuliert: «Everyone who attends a Storm game deserves to feel welcome.» Diesen Satz sollte man rahmen, an die Wand hängen und einen Counter danebenstellen. Es wäre das Mindeste.
Was bleibt an offenen Fragen, die ich aus den Akten ableiten und nicht erfinden darf? Welche Sicherheitsprotokolle greifen, wenn eine Eigentümerin in der Halbzeit die Bande zwischen Spielfeld und Tribüne durchbricht, ist nicht dokumentiert. Welche Spielerinnen genau die Geste machten, ist offen. Welche Form der Schadensregulierung den Mädchen angeboten wurde, ist nicht öffentlich. Ob die WNBA über die fünf Spiele hinaus eine unabhängige Untersuchung anordnet, ist ebenfalls nicht dokumentiert. Diese vier Lücken sind die Struktur, die aus einem Vorfall ein Klima macht.
Ich schreibe das nicht als jemand, der das Stadion vergöttert. Ich schreibe als jemand, der gesehen hat, wie Räume sich entscheiden. Eine Arena ist ein Ort, an dem auf zwei Ebenen geprobt wird: oben wird Sport gespielt, unten wird Zugehörigkeit verhandelt. Wenn die Eigentümerin schreit, gewinnen die Lauten — die ihre Unsicherheit als Tugend verkaufen. Die anderen verschwinden, mit nassen Augen und einem T-Shirt, das sie nicht mehr anziehen wollen. Und dann ruft jemand «truly embarrassing» in die Welt, tippt es in einen Bildschirm, und das Karussell dreht sich weiter.
Drehen wir es nicht weiter, ohne hinzusehen. Die WNBA hat fünf Spiele verhängt. Das ist ein Anfang. Eine Liga, die erwachsen werden will, muß mehr liefern: sichtbare Regeln, sichtbare Zuständigkeiten und eine Sprache, in der das, was zwei Mädchen in einer Nacht angetan wurde, nicht in einem Tweet verschwindet.
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