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15. August 2026

Dossier · Finanzen & Wirtschaft

Schattenposten Psyche: Was die Wirtschaft nicht bucht

15. August 2026 — — E. Wolff

Die Bücher sind nicht ausgeglichen, und das war nie ein Versehen. Wer in der Handelskammer sitzt und Bilanzen liest, lernt eine einfache Wahrheit: Was nicht in den Spalten steht, existiert auch nicht. Für den Aktionär. Für den Fiskus. Für den, der am Ende des Quartals die Dividende zählt.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Was aber geschieht mit den Zahlen, die niemand führen will?

Die österreichische Tageszeitung Die Presse berichtet unter Berufung auf amtliche Krankenstandsdaten: Psychische Erkrankungen kosten die Wirtschaft 3,3 Milliarden Euro. Die Zahl der Krankenstage wegen seelischer Leiden hat sich seit 1995 mehr als verdoppelt. Eine Infografik von Statista, gezeichnet von Hedda Nier im Dezember 2018, hält lapidar fest, was unsere Bilanzen beharrlich übersehen — dass diese Erkrankungen hohe Kosten verursachen. Exakt jene Kosten, die niemand führt.

Eine Verdopplung in einer Generation. Das ist keine konjunkturelle Schwankung, kein Rauschen im Datensatz. Das ist eine Struktur.

Und die Struktur wird nicht gezählt.

IDA Health, ein Branchendienst für betriebliches Gesundheitsmanagement, nennt das Kind beim Namen: Psychische Erkrankungen seien der "unterschätzte Kostenfaktor" für Unternehmen — wörtlich. Wer das unterschätzt, was er trägt, kann seine Bilanz nicht ehrlich unterschreiben. Wer seine Bilanz nicht ehrlich unterschreibt, handelt im Dunkeln. Und wer im Dunkeln handelt, wird früher oder später von denen geschluckt, die das Licht mitbringen — gegen Zins, versteht sich.

Die Plattform Mentalport hat einen ROI-Rechner auf ihrer Seite stehen, bescheiden überschrieben mit der Frage: "Was kosten psychische Belastungen euer Unternehmen wirklich?" Drei Kennzahlen, dann spuckt die Maschine eine Zahl aus. Die Frage ist höflich formuliert. Sie trägt eine Anklage in sich, die schwerer wiegt als jedes Bußgeld, das der Rechner am Ende vorhält.

Denn die wahren Kosten stehen nicht in den Büchern.

Was nicht erfasst wird, geht trotzdem durch die Kasse — nur durch eine andere. Die des Hausarztes, der nach fünf Minuten ein Rezept ausstellt, weil die Psychotherapie auf zwölf Monate Wartezeit steht. Die der Familie, die Lohn und Zuversicht auffängt, wenn ein Mensch bricht. Die der Sozialkasse, die Krankengeld zahlt, Erwerbsminderungsrente später, Pflege irgendwann. Das sind keine Posten in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Das sind Posten in der Buchführung der Mütter, der Kinder, der Nachbarn, die nachts wachliegen.

Hier beginnt die Blindheit. Und hier beginnt das Geschäft.

Unklar bleibt, wer genau von dieser Blindheit profitiert. Klar ist die Mechanik: Wer externalisieren kann, externalisiert. Wer keine Kosten in seinen Büchern ausweisen muss, hat eine sauberere Bilanz als der, der ehrlich rechnet. Sauberere Bilanzen bedeuten bessere Bonität, bessere Bonität bedeutet bessere Kredite, bessere Kredite bedeuten niedrigere Zinsen, niedrigere Zinsen bedeuten mehr Spielraum für jene, die ohnehin schon spielen. So funktioniert das Kartenhaus. Ich habe es 1929 gesehen, und ich sehe es heute.

Die Frage, die niemand stellt — und die genau deshalb die wichtigste ist: Wie hoch sind die wahren, ökonomisch relevanten Verluste, wenn man Produktivitätseinbrüche, soziale Folgekosten und das beharrliche Schweigen der offiziellen Berichte zusammenzählt? Die Antwort steht nicht in den Bilanzen der Unternehmen. Sie steht in den Schlafzimmern, in den Wartezimmern, in den Briefen, die nicht mehr geschrieben werden.

Drei Komma drei Milliarden Euro, sagt Die Presse. Eine Verdoppelung seit 1995. Das ist die Zahl, die wir kennen. Das ist die Zahl, die wir prüfen können — und die, genau besehen, nichts anderes ist als die Quittung über jenen Bruchteil des Schadens, den das System überhaupt zur Kenntnis nimmt.

Die Quittung über das, was im Licht liegt.

Was im Schatten liegt, das zahlt jener, der ohnehin am wenigsten hat: Schlaf, Zuversicht, die Illusion, dass morgen alles wird. Und wer das nicht in eine Bilanz bekommt, der kann auch keinen Aufsichtsrat dafür haftbar machen.

Die vier Quellen, die diesem Stück zugrunde liegen — die Statista-Infografik, der IDA-Health-Brief, der Mentalport-Rechner, die Meldung der Presse — sind untereinander konsistent, die Größenordnung nicht bestritten. Was fehlt, ist kein Datenpunkt. Es fehlt die zweite Seite der Buchführung: die Spalte, in der steht, was die kranke Seele das Gemeinwesen wirklich kostet, ungerechnet, ungeprüft, ungehört.

Ich rauche meine Pfeife und warte auf den Mann im Nadelstreifen, der mir erklärt, warum das alles nicht so schlimm ist. Er wird ein Diagramm dabeihaben. Er wird von "weichen Faktoren" sprechen. Er wird sagen, man könne das nicht beziffern.

Genau das, meine Herren, ist der Punkt.

❖ Ende des Artikels ❖

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