LEERE TRUHEN, VOLLE WAAGEN: WER ZAHLTE EIGENTLICH DAFÜR?
In Illinois stehen Truhen, die einmal voll waren. Jetzt sind sie leer. In Oregon. In New Mexico. Eine Landkarte, die sich von selbst zeichnet, mit Linien aus Bleistift und Hunger. Die Central Illinois FoodBank, das sagt ihre eigene Spitze, „fundraiset fieberhaft" und spricht mit dem Vorstand über die Notwendigkeit von Zuschüssen. In Wirklichkeit, so der Direktor weiter, sei man „begrenzt". Das Wort „begrenzt" hat hier die Konsistenz von Asche.
Man muss die Sprache der Banken verstehen, um die Sprache der Straße zu hören. Eine Truhe wird nicht leer, weil plötzlich mehr Menschen Hunger haben. Eine Truhe wird leer, weil etwas, das sie füllte, weggeschnitten wurde. Und was weggeschnitten wurde, das waren die SNAP-Leistungen — Bundesmittel zur Ernährungshilfe, gekürzt durch ein Gesetz, unterzeichnet im letzten Sommer. „Unvorhergesehen" nennt es die Berichterstattung. Ich nenne es beim Namen: Es war vorhergesehen. Sehr genau sogar.
Die Zahlen, die ich kenne, sagen mir Folgendes: Lebensmittelausgaben, landesweit, quer durch Bundesstaaten von New Mexico bis Oregon bis Illinois, verzeichnen einen massiven Anstieg der Nachfrage. Nicht weil die Amerikaner plötzlich vergessen haben, wie man kocht. Sondern weil Millionen ihnen die Mittel gestrichen wurden, mit denen sie es bezahlten. Bei gleichzeitig erhöhten Lebensmittelpreisen. Das ist kein Ungleichgewicht. Das ist eine Rezeptur.
Und hier beginnt die Spur, die mich interessiert.
Wer profitiert? Nicht die, deren Kühlschränke leer sind. Das ist sicher. Aber bleiben wir einen Moment bei den Erhöhungen der Lebensmittelpreise — die parallel zu den Kürzungen laufen. Das ist kein Zufall, das ist Architektur. Wenn man an einer Stelle den Hahn zudreht und an einer anderen den Preis hochdreht, dann fließt das Wasser dorthin, wo es immer fließt: nach oben. In Bilanzen, die bereits ausgeglichen waren, bevor das Gesetz unterschrieben wurde. In Gewinnmargen, die nicht wackeln dürfen, weil sie das Fundament sind, auf dem alles andere steht — Vorstandsgehälter, Dividenden, der liebgewonnene Komfort jener, die sich gern als Architekten einer starken Wirtschaft feiern lassen.
Wer verschweigt? Die Geschäftsberichte der Lebensmittelkonzerne nicht. Die loben sich. Aber die offizielle Sprache der Hilfswerke — „fundraisen fieberhaft", „begrenzt", „Bedarf" — ist die Sprache von Menschen, die höflich formulieren, was eine Beleidigung ist. Wer in dieser Kette den Mund hält, das sind die, die zwischen Kürzung und Preis stehen. Die Logistik. Die Verteiler. Die kleinen Margen, die groß genug sind, um unsichtbar zu bleiben.
Die Struktur, die das alles trägt, ist alt. Sie trägt seit 1937. Sie trägt jeden Konjunkturzyklus, jede Blase, jeden Crash. Sie sagt: Der Einzelne ist verantwortlich. Der Markt ist neutral. Wer hungert, hat versagt. Und wenn der Staat kürzt, dann kürzt er nicht aus Grausamkeit, sondern aus Notwendigkeit — wegen des Defizits, wegen der Inflation, wegen der Zahlen, die einberufen werden wie Zeugen, die niemand zu Gesicht bekommt.
Mein Blick geht hinter den Vorhang. Was ich sehe: Eine Maschine, die nicht defekt ist. Sie funktioniert genau wie konstruiert. Die leeren Truhen sind kein Betriebsunfall. Sie sind die Bilanz.
Die offene Frage, die bleibt: Wer füllt sie wieder? Und mit wessen Geld? In Illinois spricht man bereits mit dem Vorstand über Zuschüsse — also über private Mittel, also über Spenden, also über Almosen für ein Problem, das Almosen nicht lösen können. Das ist die alte Maschine in neuem Lack: Wenn der Bund seine Hand zurückzieht, sollen die Kommunen greifen. Und wenn die Kommunen nicht greifen können, dann die Wohltätigkeit. Und wenn die Wohltätigkeit nicht reicht — nun, dann sind die Truhen halt leer. Dann hat die Notwendigkeit gesiegt.
Ich rauche meine Pfeife zu Ende. Der Aschenbecher ist voll. Die Zahlen bleiben.
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