Bagalkot und das unsichtbare Spiel der Kongressmänner
Wenn ein Minister vor Reportern tritt und erklärt, das Hochkommando werde über Disziplin entscheiden, dann hat er in der Regel bereits eine andere Entscheidung getroffen — nur nicht jene über Disziplin. Vijayanand Kashalpanavar sprach in Ilkal, einer Kleinstadt im Norden Karnatakas, beschuldigte seine Genossen R.B. Timmapur und S.G. Nanjayyanamath der Konspiration gegen seine Person, mit dem erklärten Ziel, ihm den Posten des Distrikt-Obleuten in Bagalkot zu verwehren. Er werde, fügte er höflich hinzu, selbst keine Disziplinarmaßnahme gegen sie beantragen. So funktionieren Apparate: Man benennt den Gegner, hebt aber nicht selbst das Messer. Man überlässt dem Hochkommando die Rolle des Henkers, damit später alle Blicke auf den Namen in Delhi fallen — und die eigene Hand sauber bleibt.
Man muss diese Geste nicht überschätzen. Man muss sie nur lesen.
Kashalpanavar sprach von "Indisziplin", als handele es sich um eine objektive Kategorie. Doch in Parteien wie dieser ist Disziplin kein Maßstab, sondern ein Werkzeug — gehandhabt von jenen, die gerade die Mehrheit besitzen. Wer sich heute als Hüter der Ordnung geriert, kann morgen selbst als deren Opfer auf der Anklagebank sitzen. Wir wissen das nicht erst seit gestern. Die Faktenlage der letzten Monate zeichnet ein präziseres Bild: Im April dieses Jahres berichteten indische Medien übereinstimmend, das Hochkommando habe Ministerpräsident Siddaramaiah gedrängt, gegen Schlüsselfiguren wegen angeblich parteifeindlicher Umtriebe vorzugehen — interne Risse, die mit Blick auf die Wahlen in Karnataka offen zutage traten. Bereits im November 2025 hatte Kongresspräsident Mallikarjun Kharge klargestellt, dass die letzte Entscheidung über die Führung des Landes bei der Parteispitze liege. Das alte Machtteilungs-Arrangement zwischen Siddaramaiah und seinem Stellvertreter D.K. Shivakumar, 2023 geschmiedet, geistert seither wie ein offener Treuebruch durch jede Versammlung. Und Shivakumar selbst erklärte, die Zukunft der Führung Karnatakas werde das Hochkommando entscheiden — womit er genau jene Instanz beschwor, die angeblich entscheiden wird.
Es entscheidet niemand. Es wird entschieden werden.
Dieses "wird" ist der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Inszenierung. Eine angekündigte Entscheidung, die niemand fällt, hält alle Beteiligten in einer Schwebe, die niemandem schadet außer jenen, die nicht im Raum sitzen, wenn sie fällt. Wer profitiert? Zunächst die, deren Namen nicht genannt werden, deren Namen aber stets mitgedacht werden müssen, wenn in Nord-Karnataka von "Indisziplin" die Rede ist. Sodann jene im Hochkommando, deren Autorität sich aus dem Nicht-Handeln speist — ein Perpetuum Mobile der Parteidisziplin, das nur funktioniert, solange niemand den Stecker zieht. Schließlich die, welche die Latenz der Entscheidung als Waffe gebrauchen: Wer warten kann, wer Drohungen auf Vorrat horten kann, wer weiß, dass die Uhr tickt, ohne dass die Zeiger sich bewegen.
Kashalpanavar sagte einen bemerkenswerten Satz. Er sagte, eine solche Konspiration sei nicht neu in seinem Distrikt, sie dauere schon seit der Zeit ihrer Väter an. Das ist kein historischer Exkurs. Das ist ein Stammbaum der Macht, in den man sich einzureihen wünscht oder aus dem man gestrichen zu werden fürchtet. Wer hier von Vätern spricht, spricht von Erbschaften, von Pfründen, von Wegen, die in den 1980er Jahren gepflastert und seither nicht erneuert wurden. Timmapur selbst, so räumte der Minister ein, sei nach einer Niederlage zum MLC und Minister gemacht worden — eine Großzügigkeit, die man nun gegen ihren Empfänger wendet. Die Gegenklage liegt ohnehin auf der Straße: Timmapur und Nanjayyanamath hätten Geld genommen, um Minister zu werden, und wer das sage, habe das seelische Gleichgewicht verloren. Man wirft dem anderen Bestechung und Unzurechnungsfähigkeit im selben Atemzug vor. Das ist die Sprache von Männern, die wissen, dass Anklage und Gegenanklage sich in der öffentlichen Wahrnehmung gegenseitig aufheben — Hauptsache, der Schlamm bleibt fliegen.
Was bleibt offen? Zunächst, ob das Hochkommando tatsächlich aktiv werden wird — oder ob die Drohung, wie so oft in der Geschichte dieser Partei, genügt, um die Reihen zu schließen, ohne dass jemand fallen muss. Sodann, welche Funktion Kashalpanavar selbst in dem Spiel einnimmt: Wird er zum Opfer stilisiert, das man verteidigen muss, oder zum Störenfried, dessen Beförderung sich als zu riskant erwiesen hat? Und nicht zuletzt: Werden die Geldvorwürfe jemals greifbar, oder werden sie im Archiv der Anschuldigungen abgelegt, wo sie niemanden mehr erreichen? In Karnataka hat man das Hochkommando so oft entscheiden hören, dass sein Schweigen mittlerweile lauter klingt als jedes Urteil.
Die Bühne in Ilkal war klein. Die Bühne in Delhi ist es nicht. Was auf der einen als Indisziplin verhandelt wird, ist auf der anderen die Frage, wer dieses Haus in zwei Jahren noch bewohnen wird.
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